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Auszeit in der Wüste

Gepostet von Sonja am 20.03.2012

Eva Martha Zimmermann, 28, verabschiedete sich von ihrem Job in Berlin - und arbeitete für ein halbes Jahr in einem israelischen Kibbuz.

Eva Martha Zimmermann

Mitternachtslärm im Palmenhain: In der Dunkelheit fährt eine grell beleuchtete Maschine an die riesigen Dattelpalmen heran, kurbelt eine Plattform mit Erntehelfern hoch bis in deren Spitze, die dann von einem Gerüst mit Auffangnetz und Förderbändern umschlossen wird. Eine zweite Maschine umgreift den Stamm der Palme, schüttelt kräftig.

Zur Dattelerntezeit packen alle mit an - die Bewohner des Kibbuz Samar im Süden von Israel, aber auch die Freiwilligen aus dem Ausland. Eva Martha Zimmermann raucht noch eine Zigarette, dann lässt auch sie sich von der Maschine in die Luft heben.

Wenn die süßen, gelbbraunen Früchte auf die Förderbänder hageln, sortieren die Erntehelfer sie in grüne Kisten ein, später werden die Datteln getrocknet, verpackt, viele nach Europa exportiert.

Vom Film in die Wüste

Von Datteln hat Eva Martha Zimmermann vor ein paar Monaten noch nichts gewusst, die 28-Jährige arbeitete in Berlin bei einer Filmproduktion. "Bei der Postproduktion saß ich jeden Tag zehn Stunden in einem dunklen, schwarz angestrichenen Raum, um Farbkorrekturen zu machen", sagt sie - dann entschied sie sich spontan, eine Auszeit zu nehmen.

"Ich wollte den Kontrast zur Stadt, raus aus meinem Leben", sagt Zimmermann. "Meine Mutter sagte: Geh doch in ein Kibbuz."

Nun lebt sie als Freiwillige im Kibbuz Samar, einem grünen Fleck mitten in der Arava-Wüste: 200 Menschen, Gemeinschaftsküche, flache Häuser, viele Kinder, Pferde, Hunde, Kühe. Eine Dorfgemeinschaft, die noch aus gemeinsamer Kasse lebt - wie nur noch wenige Kibbuzim in Israel. Das einzige Urbane hier ist Eva Martha Zimmermann: modischer Pagenschnitt, tätowierte Arme, Hawaiihemd.

Neuland

Ein paar andere Ausländer aus Brasilien, USA, Europa, aber auch Israelis vor oder nach dem Militärdienst arbeiten wie Zimmermann als Freiwillige in Samar: Auch wenn der große Kibbuz-Trend vorbei ist, entscheiden sich immer noch Hunderte junger Menschen jedes Jahr für den Freiwilligendienst.
Sie begeistern sich nicht unbedingt für Kommunismus, Sozialismus und Kollektive oder Vergangenheitsbewältigung, sondern suchen nach Spaß oder neuen Erfahrungen.

"Ich wusste nichts über Kibbuzim, bevor ich hierherkam", sagt Eva Martha Zimmermann. "Und Israel kannte ich nur aus den Nachrichten, den Konflikt." Die Zeit im Kibbuz sei "eine riesengroße Herausforderung" für sie. "Alles ist anders als ich es kenne, die Wüste ist ein verrückter Ort, die Geschichte des Landes schwierig, die Holocaust-Erlebnisse unbeschreiblich." Aber: spannend.

Auf der Suche nach sich selbst

Mit ihrer Mitbewohnerin aus Kroatien teilt sie sich ein kleines Häuschen mit Veranda, mit den anderen Freiwilligen sitzt sie oft auf den abgewetzten Sofas vor dem Haus, sie rauchen, reden - mitten in der Wüste.

Nationalstolz habe sie nie gehabt, sagt Eva Martha Zimmermann - doch in Israel habe sie zum ersten Mal etwas von Nationalität gespürt: "Ich habe hier das erste Mal über meine Nation gesprochen, über Deutschland, die Geschichte", sagt sie.

Freie Zeiteinteilung im Hippie-Kibbuz

Tagsüber hilft Eva Martha Zimmermann dort mit, wo sie gebraucht wird, oft bei den Datteln: Anfangs waren die Früchte noch klein und hart, jetzt sind sie erntereif, gelb und weich. "Ich habe die Datteläste geschnitten und gestützt, die Wasserleitungen kontrolliert und repariert, Pheromonfallen für Käfer hingestellt", zählt sie auf. "Wir haben monatelang auf die Ernte hingearbeitet."

Während die Freiwilligen in manchen anderen Kibbuzim nur "saufen, kiffen, miteinander rummachen" oder teils als Lagerarbeiter ausgenutzt werden, sei die Atmosphäre in Samar entspannt. Auch die Freiwilligenarbeit ist freiwillig - wie auch für jeden, der hier lebt.

"Du kannst tun und lassen was du willst", sagt Zimmermann. "Keiner schreibt einem vor, wie, wann und was man arbeiten soll." Samar ist ein Kibbuz der jungen Wilden, ein Hippie-Projekt: Die jungen Leute, die die Siedlung 1976 gründeten, wollten alles anders machen als in den streng geregelten Kibbuzim, aus denen sie kamen. "Hier sind alle verrückt, in einem guten Sinn", sagt Zimmermann.

Einfach mal durchatmen

Sie habe gelernt, einfach mal durchzuatmen und geduldiger zu sein, sagt sie. "Und ich habe mich in die Wüste verliebt."

Die Trennung wird schwer sein: "Es gibt das Samar-Syndrom", sagt Zimmermann. "Man kriegt das hier nicht mehr aus dem Kopf." Auch wenn sie nach Berlin zurückkehren wird, wo ihre Firma ihr einen neuen Vertrag angeboten hat, weiß Eva Martha Zimmermann: Sie kommt zurück.

Text und Fotos: Sonja Peteranderl

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christian zimmermann (Gast) am 20.03.12, 14:46 Uhr

Vielen Dank für diesen einfühlsamen Artikel über meine Tochter und diesen »unheimlichen« spannenden Ort im Süden Israels. Dort gibt es eine Lebensart, die von gegenseitigem fundamentalen Respekt vor der Würde des Menschen geprägt ist. Noch nirgends sonst, habe ich dass so angetroffen, trotz aller Probleme, die das tägliche Leben auch dort, mitten in der heißen Wüste, schafft. Ich bin dankbar, dass auch ich diesen magischen Ort kennen lernen durfte und darf.

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