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Blind Dinner

Gepostet von Sonja am 08.05.2012

Sich jeden Tag woanders zum Essen einladen oder für fremde Menschen kochen: Die Online-Plattform Mitesszentrale bringt Fremde an einen Tisch.

Tom-Kha-Gai und andere leckere Dinge - die Mitesszentrale vernetzt Menschen, die gerne kochen, mit Gästen, die gerne essen.

Sushi zum Selberrollen in Nürnberg, Mascarpone-Parfait mit Erdbeeren in Hamburg, hausgemachte Frikadellen in Köln oder Schweizer Käsefondue in Stuttgart – die Online-Plattform Mitesszentrale.de vernetzt Gastgeber und hungrige Gäste, die Lust auf ein geselliges Essen und neue Bekanntschaften haben.

5500 Mitglieder hat die nicht-kommerzielle Community schon, die im April 2010 von zwei Hobbyköchen gegründet wurde – und ich habe das Mitessen inzwischen auch ausprobiert. Die Anmeldung bei Mitesszentrale.de ist schnell und unkompliziert, nach dem Eintragen von Alter und Interessen, kulinarischen Vorlieben, Kurzbeschreibung und Foto kann ich Woche für Woche durch etwa ein Dutzend verschiedener Essensangebote deutschlandweit scrollen und mich mit einem Klick für das Essen bewerben.

Viele Hungrige, kaum Köche

Da es viel mehr potentielle Mitesser als Köche gibt, lohnt sich die schnelle Reaktion. Ein lateinamerikanisches Dinner ist leider schon voll besetzt, dafür meldet sich eine Woche später Marie, eine in Stuttgart aufgewachsene Französin, die in München studiert und eine thailändische Tom-Kha-Gai-Suppe kochen möchte. Wir tauschen nur eine Mail mit Adressen aus, Samstagabend stehe ich bei ihr vor der Tür.

Der Tisch in Maries Zwei-Zimmer-Wohnung ist gedeckt, eine Freundin von Marie und eine weitere Mitesserin stoßen mit einem Litschi-Grenadine-Sekt-Limetten-Cocktail in gezuckerten Sektgläsern gerade auf den Abend an – dann klingelt es an der Tür und der letzte Gast kommt dazu. „Das Spannende ist ja, dass du auf Leute triffst, ohne zu wissen, was dich erwartet“, sagt Marie.

Ausbruch aus dem Alltag

Die 27-Jährige ist weder einsam, noch ist sie auf der Suche nach einem Flirt: Sie hat erstmals mit einer Freundin zusammen für eine Mitesszentrale-Runde gekocht und fand es interessant, ins Leben von ganz verschiedenen Menschen hineinzuschnuppern. „Es geht mir mehr darum, aus dem Alltag auszubrechen“, sagt Marie. „Ich will mir keinen neuen Freundeskreis aufbauen.“ Ihr Studium der Tiermedizin sei anspruchsvoll, viele würden vergessen, sich noch Zeit für anderes zu nehmen.

Die Mitesszentrale bringt Abwechslung, denn die Koch- und Esswilligen sind bunt gemischt – Studenten und Berufstätige, Männer und Frauen von 17 bis 70 mit unterschiedlichsten Interessen treffen beim Essen nach dem Zufallsprinzip aufeinander. Marie will vorher so wenig wie möglich von ihren Gästen wissen – sie lässt sich lieber überraschen.

Von Surfbrettern und Rinder-OPs

Michel ist Ende 40 und in der Energiebranche tätig, hat früher ein paar Semester Architektur studiert, und noch früher ein Aussteigerleben geführt: Er ist lange durch die USA und Mexiko gereist, um dort zu surfen und hat spannende Anekdoten mitgebracht. Katharina, Ende 20, arbeitet als Assistenz der Geschäftsführung einer großen Getränkefirma, zufällig wohnt sie nur ein paar Häuser weiter, in der gleichen Straße wie Marie.

Da Marie und ihre Kommilitonin Ariane gerade in einer Rinderklinik im Praktikum sind, erfahren wir beim Verzehr der thailändischen Tom-Kha-Gai-Suppe mit Jasminreis, wie man den verknoteten Magen einer Kuh wieder entwirrt.

Gute Gespräche, Menüs für Gourmets

Diskussionen und viel Persönliches – langweilig wird es an diesem Abend nie. Die Gespräche, ein bisschen Abenteuer durch Einblicke in fremde Leben und fremde Wohnzimmer sind wohl das Wichtigste an den über die Mitesszentrale organisierten Treffen, doch das Essen ist natürlich nicht nur Nebensache.

Für durchschnittlich acht bis zehn Euro Unkostenbeteiligung erhält der Gast im fremden Wohnzimmer ein Menü mit meist zwei bis drei Gängen und Getränken – die Gastgeber verdienen nichts daran. Viele haben wie Marie einfach Spaß daran, einmal für eine größere Runde zu kochen – und auch Ausgefallenes zu servieren. Marie probiert immer etwas Neues aus – diesmal ist es die Mango-Creme-Brülée in kleinen, weißen Töpfchen mit Sesamkrokantkeksen.

Wiedersehen nicht ausgeschlossen

Erst um Mitternacht ist der Abend zuende, nachdem Marie noch eine Karaffe Wein ausgeschenkt und Espresso serviert hat. Alle tauschen E-Mailadressen aus und vergessen fast, die zehn Euro für das Essen zu zahlen. Vielleicht sieht man sich wieder, vielleicht auch nicht.

Ein lustiger Abend mit einem leckeren Essen war es auf jeden Fall. Auch Köchin Marie hat neue Impuse bekommen. Bei ihrer Reise nach Florida im Sommer wird Marie bald auch Couchsurfing ausprobieren – denn davon hatte Michel viel Positives erzählt.

Text: Sonja Peteranderl
Foto: Sifu Renka/Flickr

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