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Platz 2: "Nach dem Amoklauf..."

Autor: Sarah Scherzer
Schülerzeitung: Penny Lane, John-Lennon-Gymnasium, Berlin
 
Mitschüler, Eltern, Lehrer, alle sind überfordert, wenn es um Hardcore-Mobbing geht. Letzte Hoffnung, so glauben viele, stellt nun der Schulpsychologische Dienst dar. Penny Lane untersucht im Selbstversuch, wie es um die Hilfe von Seiten der Schulpsychologie bestellt ist.
 
Seit dem Amok-Lauf in Winnenden hat es vielerorts Nachahmer-Drohbriefe gegeben. Auch in Berlin unweit unserer Schule. Auch an einem Gymnasium. Briefe von Jugendlichen. Suizid-Ankündigungen und Morddrohungen. Briefe, in denen Jugendliche Allmachts-Phantasien zum Ausdruck bringen und sich plötzlich zu Herrschern über Leben und Tod aufschwingen. Briefe voller Hass und Zerstörungswut, Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, Frustration.
 
Wie ist (oder war) es um die Psyche des jeweiligen Täters bestellt?, so fragen die Medien – nach der Tat. Der Täter hätte doch psychologische Beratung gebraucht, heißt es dann, wenn es zu spät ist. Warum hat sich der Junge nicht um Hilfe bemüht? Warum nicht mit Schulpsychologen gesprochen? Gute Frage.
 
Um die Antwort herauszufinden, wage ich einen Selbstversuch.
 
Ich versetze mich in die Rolle einer Schülerin, die in der Klasse gemobbt wird. Ich bin also in meiner Klasse eine absolute Außenseiterin, von allen gemieden und von vielen runter gemacht. Beleidigungen, Spott, Geläster. Tag für Tag stehe ich auf, um den schrecklichsten Ort dieser Welt zu besuchen. Niemand steht zu mir. Selbst mein Klassenlehrer macht sich inzwischen schon verhalten lustig über mich. Auch er findet keinen Zugang. Weil ich so still bin. So tut er sich – das erleichtert ihm auch seinen Job als Klassenlehrer – lieber mit den Meinungsführern und Sympathieträgern zusammen. Ihm werde ich mich also kaum anvertrauen. Mit meinen Eltern kann und will ich nicht reden. Einen Schulpsychologen gibt es bei uns an der Schule nicht.
 
Ich kann nicht mehr. Ich muss mit jemandem über alles sprechen. Und zwar nicht mit irgendjemandem, sondern mit einer Person, der ich vertrauen kann und die mir weiterhilft.
 
Im Internet finde ich auf der Website vom Schulpsychologischen Dienst Berlin Mitte eine Telefonnummer. Ich nehme all meinen Mut zusammen und wähle. Aufgeregt halte ich den Hörer ans Ohr. Eine elektronische Frauenstimme ertönt und weist mich darauf hin, dass sich die Nummer des Bezirksamtes Mitte leider geändert hat. Der verwirrenden Ansage entnehme ich zwei neue Nummern, eine, die man mit der „fünfstelligen Apparatnummer“ verknüpfen soll und eine für die „Vermittlung“. Ich habe keine fünfstellige Apparatnummer. Dann fällt meine Situation wohl in „Vermittlung“. Also noch mal Nummern eintippen.
 
Diesmal ist eine echte Frau am anderen Ende der Leitung. Ich erzähle ihr sofort etwas unzusammenhängend, dass ich Probleme in der Klasse habe und gerne mit jemandem sprechen möchte. Mit wem? „Naja“, stammle ich, „mit dem Schulpsychologischen Dienst halt.“ Ich fühle mich, als müsste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich anfrage. Nun werde ich „durchgestellt“. Nach einigen Freizeichen ertönt endlich eine Stimme: Eine elektronische. Zum Aufnehmen einer Nachricht soll ich nach dem Piep sprechen, zum Verbinden mit einem Teilnehmer die 0 drücken und zum Beenden die Sternchentaste. Teilnehmer klingt noch am ehesten nach einem Individuum, das mir zuhört. Also drücke ich die 0. „Zum Löschen der Nachricht, drücken Sie die sechs!“, sagt die Stimme. Ich könne mir meine Nachricht auch noch einmal anhören, meint sie. Ich drücke die sechs. Die Ansage geht von vorne los. Ich wähle die 0. Zur Verbindung mit einem Teilnehmer soll ich die Nummer eingeben. Welche Nummer? Oder einen Namen. Na klar. Ich lege auf. Spätestens jetzt hätte ich, wäre ich nervlich angeschlagen, schon aufgegeben. Ich würde mir selbst nicht weiter weh tun wollen, würde mir – einmal mehr – entrechtet und machtlos vorkommen. Eine weitere Kränkung.
 
Da es hier um einen Selbstversuch geht, wähle ich erneut die Nummer, die ich auf der Internetseite gefunden habe. Nach langem Klingeln meldet sich diesmal „Platz 72“, eine Frauenstimme. Ich sage, dass ich gerade schon einmal angerufen habe und durchgestellt werden sollte, dass dies aber überhaupt nicht funktionierte. Ob ich eben auch schon mit ihr gesprochen habe? Ob es um die Schulanmeldung gehe? Äh nein. Ich erzähle, worum es geht. Sie ruft ihrer Kollegin etwas zu. Dann gibt sie mir zwei Nummern und nennt zwei Namen. Es handle sich um Sekretärinnen, erklärt sie. Ich wiederhole, dass ich gerne mit einem Schul-Psychologen sprechen möchte und nicht mit Sekretärinnen. Es seien die Sekretärinnen vom Schulpsychologischen Dienst, versichert sie mir und hängt auf. Ich wähle die erste Nummer: Besetzt. Ich wähle die zweite Nummer: Und lande wieder bei der elektronischen Frau, die mir etwas von Aufnahmen und Sternchentasten erzählt. Ich resigniere. Meine Ausdauer schwindet. Es muss doch einen Weg geben, den Schulpsychologischen Dienst Berlin Mitte zu erreichen. Es gibt ihn doch. Oder etwa nicht? Also noch einmal die erste Nummer: Endlich.
 
Eine freundliche, warme Frauenstimme begrüßt mich. Ich sage, dass ich Probleme habe und mit jemandem reden muss. Sie reagiert verständnisvoll und offen und fragt mich nach meiner Schule. Das möchte ich ihr nicht sagen, was sie auch völlig in Ordnung findet. Die Sprechstunde sei immer am Donnerstag zwischen 16 Uhr und 17.30 Uhr in der Badstraße, nähe S- und U-Bahnhof Gesundbrunnen, lässt sie mich wissen. Ich frage, ob es möglich sei, telefonisch ein Gespräch zu führen. Dies sei nicht machbar und auch nicht günstig, da es besser sei, persönlich über die Probleme zu sprechen. Am Donnerstag gebe es eineinhalb Stunden für Schüler, Lehrer und Eltern, die Gesprächsbedarf haben. „Sind dann da nicht ganz viele Leute?“, frage ich unsicher und stelle mir ein überfülltes Wartezimmer beim Arzt vor. „Ja, aber das macht doch nichts.“, erklärt sie mir. Mir werde ein Gespräch mit dem Psychologen ermöglicht, der meiner Schule zugeteilt ist. Sie betont, dass alles vertraulich behandelt wird und dass der psychologische Beratungsdienst zur Verschwiegenheit verpflichtet sei. Sowohl den Eltern als auch der Schule gegenüber. Sie gibt mir eine ausführliche Wegbeschreibung und legt mir noch einmal nahe, wirklich am Donnerstag zu kommen. Im persönlichen Gespräch ließen sich immer Lösungen finden. Gemeinsam. Sie sagt, dass sie es besonders toll findet, wenn Schüler sich selbstständig melden. Es scheint wohl doch eher eine Ausnahme zu sein.
 
Bei dem holperigen Weg, den ich abtelefonieren musste, bevor ich an vertrauenswürdige Ohren gelangte, erscheint mir das auch nicht weiter verwunderlich. Mir war die Aktion viel zu umständlich. Sie dauerte lange. Viel zu lange für den Ernstfall. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand, dessen Nerven blank liegen, diese Anrufautomaten-Wahlschleifen-Odyssee hinter sich bringen soll, bevor er auf Verständnis stößt, dann kann ich sagen, dass diese Durchstellnummer schon gesunde Nerven auf eine harte Probe stellt. Ohnehin vorhandene Ohnmachtsgefühle werden durch so etwas nur noch verstärkt. Wäre ich der Täter, dann fühlte ich mich in meiner Sicht bestätigt, die Welt hätte sich gegen mich verschworen. Die Welt hört nicht zu, jetzt werde ich sie dazu zwingen. Die Welt hält mich für machtlos. Jetzt werde ich ihr aber ultimativ beweisen, dass ich ganz enorm was bewegen kann und Macht habe. So oder ähnlich würde ich dann wahrscheinlich denken.
 
Der Täter hätte doch psychologische Beratung gebraucht, heißt es. Wie viele Amokläufe brauchen wir noch, um zu begreifen, wie fatal unnötige Fehler sein können?
 
Respekt als Überlebenstechnik für Schüler: Vertraut nicht auf Hilfe von außen. Geht davon aus, dass alle immer überfordert sind. Lehrer sind überfordert, wenn sie neben den Fachleistungen auch noch die psychologische Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler beobachten sollen. Eltern sind überfordert mit ihren Problemen, Job, Kinder, Beziehung usw. Auch der Schulpsychologische Dienst ist überfordert. Daraus folgt: Ihr müsst euch selbst helfen. Nur Schüler können Schülern helfen. Nehmt euch und eure Mitschüler wahr. Schließt keinen dauerhaft aus. Benutzt nicht irgendwelche In and Outs wie Fallbeile. Begegnet euch mit Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Zugewandtheit, Wohlwollen und Respekt. Denn dies sind Überlebenstechniken.
 
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Sarah Scherzer (Foto: DER SPIEGEL / Manfred Witt)


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