Platz 1: Der seltsame Fall der Verhaltensänderung im SchülerVZ
Autor: Vlatka Ilicic
Schülerzeitung: www.kurzschluss-gs.de, Goetheschule, Neu-Isenburg
Wir spielen ein Spiel: Hot or Not. Die Frage: Siehst du „gut“ aus oder nicht? Der Schiedsrichter: Ein Fremder.
Mit bangem Warten, dass sogar an Nervosität grenzt, kippeln wir auf unserem Stuhl vor und zurück. Wer wird antworten? Welches Urteil wird er fällen? Was wird er bemängeln? Man stellt sich freiwillig dieser Entscheidung, um Anerkennung und Respekt innerhalb des Forums zu verdienen, indem man ein „Hot“ attestiert oder ein „Not“ verpasst bekommt.
Wieso nur? Wieso lasse ich mich von einem Fremden virtuell begutachten, damit er dann ein Urteil über mich fällen kann? Wieso erniedrige ich mich im Internet? Wo bleibt nur meine Selbstachtung und Würde? Und vor allem: Wo ist mein kontrollierender Verstand geblieben?
All das sind die seltsamsten Auswüchse unseres Verhaltens in unserer Internetwelt, die digitale Welt eines Schülers: Das SchülerVZ. SchülerVZ.com ist eine Schüler-Community, die über 6 Millionen Mitgliedern eine Plattform gibt, sich nun auch nach Schulschluss im Internet zu treffen.
Beim einloggen logge ich meinen Verstand aus: Es scheint, dass meine niederen Verhaltensweisen, die zwar natürlich, aber durch Norm und soziale Grenzen klein gehalten wurden, beim Einwählen ins Internet aufbegehren und ausbrechen aus ihrem Schattendasein. Ich werde selbstgefällig, arrogant, gehässig und bösartig: In meinen Emails wird mir von dem untreuen Freund einer Bekannten berichtet, und ich denke mir sie das hat durch ihr Äußeres verdient. Ich kann nichts dafür, doch entfesselt das Internet etwas bei mir, dass ich das „andere Ich“ nenne.
Das andere Ich: Ein Ich, das teuflisch ist. Ein Ich, das so zynisch ist wie Zitronen sauer sind. Und ein Ich, das so asozial ist, dass es durch Norm und Moral in die hinterste Ecke der Persönlichkeit gefesselt ist. Doch dieses Ich ist auch noch furchtbar originell. Und es findet einen Weg heraus zu kommen. Seine Komplizen heißen Anonymität und Internetzugang. Zusammen ist dieses Trio infernale der Stoff aus dem die Albträume sind.
Eine Umfrage aus 2007 berichtet, dass 19,9 Prozent aller Schüler Erfahrungen mit Mobbing über Internet und Handy haben. Jeder Fünfte also – und die Dunkelziffer wird noch höher geschätzt. Besonders viel besuchte Seiten wie Youtube werden als „Tatorte“ für Verleumdungen, Beschimpfungen und Beleidigungen genutzt – oder eben SchülerVZ.
Besonders perfide Strategien lassen sich sogar die Kleinsten schon einfallen: Sarah Klein*, 16 und Schülerin eines Gymnasiums, kann Geschichten über das Cyber-Mobbing erzählen: „Die Klassenkameradinnen meiner Schwester hackten sich in ihren Account bei SchülerVZ ein und veränderten ihr Profil negativ mit Obszönitäten – sie waren 11!“. Besonders schlimm ist das Nachfolgende: Da in dem Profil schon „Einladendes“ stand, fühlten sich die Besucher der Seite aufgefordert, auch ihren Senf dazuzugeben – der Kreis der Mobber erweiterte sich.
Im wahren Leben gibt es auch Mobbing, doch ist es eher charakteristisch, dass es einen Impulsgeber und viele Nachmacher gibt. Der Impulsgeber entschließt sich bewusst zu seinen Gemeinheiten. Im Internet aber entschließt man sich nicht richtig, nicht voll und ganz für das gezielte Einhacken. Man ist irgendwie verleitet, seine Meinungen unverhohlen auszudrücken, denn man sagt es nicht der Person selbst. Zwar muss man auf mehrere Buttons klicken um Nachrichten zu senden, doch umhüllt das Internet diesen Akt mit einer gewissen Anonymität: Man hat nicht ins Antlitz und in die Augen des Anderen gesprochen, sondern zunächst etwas hinterlassen welches im Postkorb gefunden werden muss. Man fühlt sich anonym und frei. So frei, dass man verletzend wird. Und wenn man es schlau anstellt, kann man völlig anonym „zuschlagen“.
Zwar zeigt SchülerVZ an, wer welche Nachricht hinterlassen hat, doch ist es kein Problem einen Schein-Account anzulegen. Die Mobber schaffen sich einfach nur eine neue E-Mail-Adresse an, der Rest ist ein Kinderspiel: Die Sicherheitssperre von SchülerVZ – das Eingeladen sein müssen – wird einfach umgangen, da sich die Mobber schon selbst im VZ befinden und sich einfach selber einladen. Flugs noch ein hübsches Bild aus Google einfügen, ein passendes Profil schreiben und es lassen sich hundertundeins Gemeinheiten veranstalten. Wie zum Beispiel einen schüchternen Klassenkameraden zu kontaktieren und vorzugeben man sei ein interessiertes Mädchen mit braunen langen Locken und einem Faible für Horrorfilme, das zufällig zu dem Opfer des Cyber-Mobbing passt. Denn das World Wide Web bietet genau das, was das Opfer wünscht und mit was die Täter spielen: Die Möglichkeit jemanden frei von allen gesellschaftlichen Grenzen und Vorurteilen kennen? und lieben zu lernen.
Würde man sich eine Perücke aufsetzen, Schminke ins Gesiebt schmieren und einen Rock anziehen und dann versuchen dasselbe Mädchen vor der Haustür des Jungen zu spielen? Niemals! Das wäre gar nicht möglich. Doch ist es das im Internet.
Das eine freundliche Gesinnung und nicht der Sadismus in Form von Cyber-Mobbing Oberhand behält, haben sich einige Seiten auf die Flagge geschrieben: Die Megan Schleife – ähnlich der roten Aids-Schleife aber in schwarz mit weißen Punkten – soll an das Schicksal von Megan Meier erinnern, die nach besonders perfidem Cyber-Mobbing ihr dreizehnjähriges Leben beendete. Unverständlicherweise hatte die Mutter einer ehemaligen Schulkameradin bei MySpace, dem amerikanischem Pendant zu SchülerVZ, einen Schein-Account angelegt, die Identität eines Jungen angenommen, Megan kontaktiert und mit ihr eine Internet-Freundschaft angefangen: Nachdem diese Mutter das Vertrauen ihres Opfers hatte, wurde der Ton rauer und Beschimpfungen erhielten die Überhand bis dies das Mädchen schließlich in den Suizid trieben. Nun versucht Megans Mutter durch einen eigenen MySpace-Account Megans Tod nicht vergessen zu lassen und aufzuklären.
Deutschlandweit war von einem Suizid motiviert durch Cyber-Mobbing noch nichts zu hören, doch bietet nun auch SchülerVZ ein Emblem an, dass die Mitgliedschaft Seite in der Respekt-im-Netz-Gruppe attestiert.
Anonymität verleitet Menschen im Internet zu Tätern zu werden, man sollte diesen also keinerlei Angriffsfläche bieten und aktiven Selbstschutz treiben: Persönliche Informationen sollten persönlich bleiben, und das Internet als Litfaß-Säule verstanden werden, die alles preisgibt und öffentlich zugänglich ist. Selber jedoch dafür zu sorgen nicht Täter zu werden, kann nur eine regelmäßige ernsthafte Bestandsaufnahme: Sich und seine Handlungsweisen im Internet selbständig zu hinterfragen ist wohl der einzige Weg zu beleuchten, ob man noch neckende oder schon gemeine virtuelle Worte und Verhaltenszüge im Internet hinterlässt.
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Vlatka Ilicic (Foto: DER SPIEGEL / Manfred Witt)


