Teenage Response
„Alles in Plastik gepackt, alles abwaschbar“, so sieht Anton das kontrollierte Leben der Erwachsenen. Er ist einer von 13 Jugendlichen, die sich gegen die Kritik an ihrer Generation stellen – und ihre eigenen Geschichten entgegensetzen. „Teenage Response“ zeichnet Porträts von Heranwachsenden, die frappierend offen in ihr Inneres blicken lassen.
Die Regisseurin Eleni Ampelakiotou überlässt ihren Protagonisten die gesamte Szene. Nur die Jugendlichen kommen zu Wort. Die Kamera folgt ihnen jedoch nicht in ihren Alltag, sondern an ein indivuell gestaltetes Set. Die sehr unterschiedlichen Charaktere der 13- bis 21-Jährigen spiegeln sich in Raum- und Lichtinstallationen, Skulpturen und Klänge rahmen die Monologe der Jugendlichen ein.
Vorurteile der Gesellschaft
Die Mädchen und Jungen aus Berlin sind verschieden – nicht aber ihre Themen. Da ist „die Gesellschaft“, ein Begriff für eine Welt, zu der sie sich selbst noch nicht zählen. Sookee zum Beispiel, die sich in keine der üblichen Geschlechterrollen und -klischees einordnen lassen möchte, formuliert Sätze, die als Motto für den Film stehen könnten: „Unsere Gesellschaft jammert, die Jugend sei so flach, so dumm und so kriminell.“ In ihren Augen wird jedoch nicht wahrgenommen, wie kreativ Jugendliche sind.
Etwas Eigenes zu schaffen, spielt für einige der Teenager eine große Rolle. Sookee etwa schreibt. „Das Wort“, sagt sie, „ist die einzige Möglichkeit, inneres Chaos in äußere Struktur zu bringen.“ Zu Weihnachten wünscht sie sich ein Tattoo: Sie will sich das Alphabet auf den Rücken stechen lassen. Worte sind auch für Jean ein Ventil. Er verfasst Rap-Texte, unter anderem über menschliche Abgründe. So verarbeitet er eigene Erfahrungen als Außenseiter. Schon als Grundschüler eckte er an und forscht seitdem nach den Ursachen für sein Verhalten.
Drogen machen Gefühle
Wie Jean rebellieren auch andere Jungen. Dieter kommt zugedröhnt zum Dreh. Dank Aufputschmitteln ist er seit 39 Stunden wach. Schon als Kind hat man ihm Medikamente gegen sein Aufmerksamkeitsdefizit verabreicht. Er wurde dadurch so ruhig, daß er sich fast wie ein Erwachsener fühlte. Nicht mal seine Freunde erkannten ihn wieder, also setzte er sie ab. Marc hat so viele Drogen genommen, dass er mit 15 „total am Ende“ war. Nur wenn er mit seiner damaligen Freundin ganz alleine war, fühlte er sich anerkannt und konnte ganz er selbst sein.
Liebe – Beziehungen
Von der Liebe sprechen fast alle. Für die einen ist sie der Ausweg aus der eigenen Unsicherheit. Alexander fühlt sich mit seiner jetzigen Freundin das erste Mal seit Jahren richtig wohl. Andere finden die Liebe vor allem kompliziert. Luisa hat sich nach einer kurzen Affäre von einem Jungen getrennt, weil sie fand, sie könne nichts mehr von ihm lernen. Und Mario versteht die Eifersucht von Mädchen nicht. Er hat gern mehrere Freundinnen gleichzeitig, damit immer eine für ihn Zeit findet.
Das Leben ernst nehmen
Selbstbewusst bestehen die Jugendlichen darauf, sich treu zu bleiben, auch mit vermeintlichen Schwächen. „Man kann den Menschen nicht formen. Er kommt von sich, wie er ist“, sagt Jean. Er habe selbst „viel Scheiße gebaut“, aber dafür kann er jetzt andere gut beraten. Vielleicht will er später als Psychologe arbeiten. Für Anton heißt Erwachsenwerden, sich mit seinem Leben zu identifizieren: „Ich will die Sachen, die ich mache, irgendwann hundertprozentig ernst nehmen.“
Selbstkritisch zeigen sich alle Jugendlichen in „Teenage Response“. Aus ihren Erzählungen spricht der aufrichtige Wunsch, eine eigene Sicht auf die Welt zu entwickeln – ganz gleich, ob die Erwachsenen diese gutheißen oder nicht.
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Regisseurin Eleni Ampelakiotou über ihren Film
Angesichts zahlreicher Dokumentationen und Features über jugendliche Lebenswelten verwundert es, wie wenig Jugendliche dabei selbst zu Wort kommen. Wie wenig sie nach ihren Bedürfnissen gefragt werden, nach dem, was sie bewegt jenseits gesellschaftlicher oder moralischer Konvention. Fragen wir nicht? Oder vielmehr: Hören wir nicht zu, weil wir die Antworten fürchten? Weil unsere Kategorien von richtig und falsch nicht ausreichen? Weil unsere Vorstellungskraft nicht genügt, alle Ambivalenzen wahrzunehmen und auszuhalten? Weil wir Erwachsenen womöglich das Bild einer „unschuldigen“, noch „unreifen“ Jugend in uns tragen und die Wirklichkeit sich weigert, sich in dieses Bild reinpressen zu lassen?
TEENAGE RESPONSE ist ein Film, in dem Jugendliche selbst zu Wort kommen. Ein Ort, an dem alles möglich wird, jenseits von „richtig“ und „falsch“. Ein Ort, an dem Licht- und Schattenseiten in gleichem Maße anwesend sind. An dem alles Düstere und Schmerzhafte nicht wegradiert werden muss, sondern immer wieder auf das andere verweist, auf das, was sich hinter der Traurigkeit, der Angst, der Gewalt, dem Schmerz verbirgt. Bei allem, was unsere Protagonisten erzählen, ist ihr Körper der Schnittpunkt, das Zentrum aller Freude und Lust, aller Gewalt und Leidenschaft – das Forum, auf dem all das ausgetragen wird. Ob im Drogenrausch, bei Prügeleien, beim Tanzen, bei der Liebe – sie sprechen von ihrem Körper als einem Raum, in den sie gerade eingezogen sind, den sie gerade einrichten, mit dem sie experimentieren, um zu sehen, was er alles leisten und ertragen kann, wo die Angst anfängt und wo sie aufhört. In unseren Gesprächen gewährten sie mir Einlass. Sie ließen mich eintreten in ihren heiligen Ort, ihr innerstes Selbst. Ihre Geschichten zeugen von einer Offenheit und Lebendigkeit, die wir Erwachsenen oft leichtfertig nicht mehr zu beanspruchen wagen. Trotz ihrer verzweifelten Zerrissenheit, ihres Ungestüms, ihrer großen Gefühle scheinen mir diese Jugendlichen dem Leben, dem Lebendigsein mit aller Intensität, Schönheit, Härte und Weisheit womöglich näher als wir Erwachsenen, die oft glauben, das Leben im Griff zu haben.
TEENAGE RESPONSE begegnet 13 jungen Menschen, die gerade dabei sind, das zu werden, was man „erwachsen“ nennt, was immer das auch sein mag. Wir „Erwachsenen“ können diese Frage oft selbst schwer beantworten. Vielleicht können wir alle von diesen Jugendlichen lernen, was es bedeutet zu wachsen.
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© Aktion Mensch/Teenage Response/now films/Nico Curain
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