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Street-Art und Graffiti: Die Straße als Atelier

Text von Sonja Peteranderl

Street-Art oder Graffiti?

Street-Art und Graffiti sind verwandt, aber nicht das Gleiche. Bei Graffiti steht die Schrift im Vordergrund – auf Italienisch bedeutet „Graffito“ Schraffierung oder Inschrift; bei Street-Art dominieren bildliche Darstellung oder Objekte. Die Graffitis mit der höchsten Verbreitung sind Writings: In meist bunten Schriftzügen stellt der Urheber seinen Künstlernamen möglichst gekonnt, oft und an zentralen Stellen dar, um „Fame“ (Ruhm) innerhalb der Graffiti-Szene zu erlangen. Beim Scratching wird der Schriftzug, auch „Tag“ genannt, mit Messern, Steinen oder anderen spitzen Gegenständen in Glas geritzt; beim Etching dagegen ätzt eine Säure ins Glas. Über zahlreiche Inschriften in Zugscheiben klagt zum Beispiel die Deutsche Bahn. Nicht nur einzelne Künstler taggen, um ihren Namen zu verbreiten, auch Fußballfans streuen den Namen ihres Lieblingsclubs und Gangs markieren ihr Revier mit einem Namenszug – oder fordern konkurrierende Banden heraus, indem sie deren Zeichen übermalen. Street-Art subsumiert ein vielfältigeres Spektrum an visuellen Formen: Zur Street-Art gehören Graffitis, die über die reine Schrift hinausgehen, durch Schablonen (Stencils) aufgetragene Werke, Sticker, Plakate oder Installationen.

Graffitis auf Berliner Hauswand. Foto: Gómez / flickr

Street-Art-Haus Berlin

Wie die Ägypter

Der Impuls, öffentlich zugängliche Stellen mit Kommentaren, Dekorationen oder seinem Namen zu versehen, ist nicht neu. Die ersten bekannten Höhlenmalereien stammen von etwa 31.500 vor Christus; bei den Alten Ägyptern fanden sich später neben Wandbildern die ersten Graffitis – private Inschriften auf Felsen, Statuen, Gräbern, teilweise auch nur der Name des Urhebers wie bei den heutigen Tags. Auch Völker wie die Römer, die Mayas oder die Wikinger zeichneten ihr Umfeld. In Europa kursieren seit dem 16. Jahrhundert „Zinken“. Die grafischen Symbole wurden von Bettlern, Vagabunden oder Kriminellen zum Beispiel in Häuserwände eingeritzt, um dem Nächsten anzuzeigen, ob Bettelei oder ein Raub sich lohnen würde. Weitere europäische Schriftsteller, Forscher und Pariser Straßenjungen verewigten sich in den nächsten Jahrhunderten in ihren Städten oder auf Entdeckungsreisen durch Kritzeleien und Karikaturen. Von Italien ausgehend begannen auch Fußballfans in den 60-er Jahren ihren Lieblingsclubs Wandmalereien oder Tags zu widmen. Als erster Street-Art-Künstler gilt der Pariser Gérard Zlotykamien, der ab 1963 mit Kreide und Pinsel, später mit Spray, menschliche Silhouetten zeichnete. Seine „Éphémères“, die „Vergänglichen“, waren von dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und den schattenähnlichen menschlichen Überresten sowie Faschismus und Holocaust inspiriert. In Deutschland trat die Street-Art und Graffiti-Bewegung verstärkt im Umkreis der Studentenbewegungen in den 1960er und 1970ern auf, in Form von Peace-Zeichen sowie politischen Botschaften. Bis Anfang der 80er Jahre war die Bewegung in Europa dann vor allem von Punks geprägt, die teilweise begannen, Pseudonyme und Schablonen einzusetzen.
 
Während sich in Europa vor allem Kritzeleien oder von Bildern geprägte Street-Art-Werke verbreiteten, entwickelte sich in den USA der charakteristische Writing-Stil, bei dem aufwändige, künstlerische Graffiti-Namenszüge dominieren. Ab den 1930er Jahren verbreiteten sich zwar Gang-Graffitis in den USA, vor allem in Hochburgen wie Los Angeles, das Epizentrum des modernen, ästhetisierten Graffiti-Writings wurde jedoch das New York der 60er Jahre. Mitte der 60er Jahre verbreitete „Cornbread“ seinen Künstlernamen an möglichst ausgefallenen Stellen in der ganzen Stadt, unter anderem an einem Elefanten. Ende der 60-er Jahre gelangte der Trend dann nach New York. „Taki 183“, der seinen Spitznamen und seine Straßennummer auf Botengängen in ganz New York taggte, wurde von den Medien als erster Protagonist des Graffiti-Writings gefeiert. Die enorme Nachahmerwelle führte dazu, dass die Stile sich nach und nach ästhetisierten, differenzierten und auf alle möglichen Objekte wie U-Bahnen ausdehnten. Einzelne international agierende Sprayer und vor allem die drei amerikanischen Kultfilme „Wild Style“, „Beat Street“ und der Dokumentarfilm „Style Wars“ exportierten das Amalgam aus HipHop, Breakdance sowie Graffiti und Street-Art nach Europa. Mittlerweile mischen sich die Stile – viele Künstler und Sprayer reisen durch die Welt und verbreiten ihre Werke in Großstädten wie Berlin, Sao Paulo oder New York international oder lassen sich von anderen lokalen Stilen inspirieren. Ins weite Spektrum der Street-Art flossen dabei verschiedene Kunst-Strömungen wie die russische Plakatpropaganda, Pop-Art, politische Wandmalerei (Murals) oder schlicht die Rekontextualisierung von Alltagsobjekten ein. In den USA kam beispielsweise die Idee auf, Ampeln, Straßenschilder oder Statuen um Strickobjekte zu ergänzen. So vielfältig wie die Formen sind auch die Inhalte: Nichtssagende Kritzeleien, sogenannte „Klograffiti“, existieren ebenso wie bunte Spielereien, ästhetische Kunstwerke, politische und kritische Kommentare.

Graffiti Zimmermädchen mit Kehrblech. Foto: idiotequephotography flickr

"Maid" von Banksy

Zwischen Kunst und Kriminalität

Ein Reiz der Straßenkunst ist besonders für Jüngere deren Illegalität. In Deutschland deklarieren die Paragraphen des Strafgesetzbuches § 303 und § 304 die Veränderung von Fremdobjekten als Sachbeschädigung. Bei Graffiti- und Street-Art-Akten drohen Geld- oder bis zu dreijährige Gefängnisstrafen, wenn das private oder staatliche Eigentum ohne Zustimmung des Besitzers verändert wurde und die Aktion nur schwer wieder rückgängig gemacht werden kann. Ist der Sprayer zu jung und hat kein Geld, so müssen entweder die Eltern haften oder der Schadensanspruch kann auf 30 Jahre ausgedehnt werden, sodass das Kunstwerk vom ersten Gehalt bezahlt werden muss. Illegal ist auch das Betreten von fremdem Grund und Boden, nach § 123 ist dies Hausfriedensbruch. Die Veränderung von Verkehrszeichen, Schildern und Signalen kann nach § 315 als gefährlicher Eingriff in den Bahn- oder Straßenverkehr verfolgt werden.

Trotz des illegalen Touches sind Graffiti und Street-Art nicht mehr rein rebellische Jugendkultur wie in den wilden 60ern in New York – die Grenzen zwischen Museumskunst und der Populärkultur der Straße, zwischen spontaner Meinungsäußerung und Auftragsarbeit, Gesellschaft und Gegenkultur diffundieren immer stärker. So wandern viele Werke der Straßenkunst von der Öffentlichkeit in Galerien und Museen. Für Werke von Banksy, dem international berühmtesten Street-Artisten, bezahlen Kunstliebhaber mittlerweile mehrere hunderttausend Dollar; in London wurde eine Banksy-Ratte samt Wandstück aus der Wand herausgerissen und versteigert. Auch Unternehmen versuchen vom urbanen Freiheitsgefühl und der Frechheit der Street-Art zu profitieren: Beim Guerilla-Marketing setzen Marken wie Nike oder Sony auf Streetartstyle und – taktik: sie verteilen Sticker oder lassen Graffiti anbringen, die nicht sofort als Werbung zu erkennen sind, engagieren sich bei Ausstellungen oder eröffnen direkt eine Street-Art-Galerie wie Sony in Berlin.

Buntes Graffiti Lucy und Bunny. Foto: Paula Moya / flickr

Lucy and Bunny / Berlin-Mitte

Die Strickguerilla

Mit einem Klimmzug zieht sich Klaus Erich Dietl an der Zwillingstelefonzelle im Münchner Bahnhofsviertel hoch und stülpt dem Logo auf dem Kabinendach eine pinke Wollmütze über. Dann läuft er mit einer riesigen Stoffrolle immer wieder um die beiden Telefonzellen herum, ein Dutzend Jugendliche bilden einen Kreis um die Kabinen und stricken die beiden Telefonzellen zwei Stunden lang mit ihren Händen in ein buntes Gittergewand aus geblümter siebziger Jahre-Bettwäsche und den Resten alter Kleidung aus verschiedenen Ländern. Passanten bleiben verwirrt stehen und fragen nach, was hier passiert – und schon haben sich die selten benutzten Telefonzellen wieder in einen Knotenpunkt für Kommunikation verwandelt.

Yarn Bombing oder Knitting Graffiti, bei dem gestickte, gestrickte oder gehäkelte Gebilde wie die verhüllten Telefonzellen entstehen, hat sich in den vergangenen Jahren als neue Street-Art-Variante etabliert. Verschiedene Künstler experimentieren schon lange mit Faden, Wolle und Garn, der Konzeptkünstler Marcel Duchamp spann schon 1942 eine ganze Ausstellung mit Fäden ein, doch Magda Sayeg und ihr Strickkollektiv KnittaPlease aus Houston gelten als Pioniere des aktuellen Yarnbombing-Phänomens, das die Wollwerke auf der Straße präsentiert.

Im Sommer 2005 begannen die Texaner Wollreste und halbfertige Strickteile im urbanen Raum zu hinterlassen, um den tristen Stadtraum aufzuwerten und ihrer Umgebung durch bunte Wolle etwas Wärme zurückzugeben. Als Erstes schmückte Magda Sayek den Türgriff ihres Modeladens mit einer Mütze – inzwischen hat sie sich an größere Gegenstände wie einen Schulbus in Mexiko oder eine acht Meter hohe Soldatenstatue auf Bali herangewagt. Von Texas aus verbreitete sich die Yarn Bombing-Bewegung in die ganze Welt – auch weil Fotos der bunten Werke im Netz zirkulierten und so Künstler, Hobbyhandwerker und Aktivisten von San Francisco bis Stockholm inspirierten, Parkuhren, Laternenmasten, Telefonhörer, Gebäude oder Zäune durch Strickgraffitis umzugestalten.

Häkeln als politischer Protest

Der Transfer der häuslichen Handarbeit in den öffentlichen Raum bedeutet für einige Künstler schlicht Verschönerung, eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte, persönliche Spuren in grauen Betonwelten. Andere interpretieren das Handwerk ironisch und freuen sich über die irritierende Sinnfreiheit, die Strickgraffitis entfalten können. Manchmal verwandelt das Wollwerk bestimmte Objekte auch zum Gegenstand spielerischer Gesellschaftskritik. So wurden Überwachungskameras oder sogar Panzer ihrer eigentlichen Funktion enthoben und durch die Wollverkleidung unschädlich gemacht. An Großmutters häusliche Häkelei erinnert hier nur noch das Material.

Auch die amerikanischen Aktivisten von Microrevolt betrachten Häkeln als politischen Protest. Sie regen Diskussionen über die Arbeitsbedingungen in Sweatshops an und haben eine internationale Aktion initiiert, bei der zwischen 2003 und 2008 eine Nike-Protestdecke mit dem gestrickten Nike-Logo entstanden ist. Hobbyhäkler aus über 30 Ländern haben an der Decke mitgewirkt.

Der Münchner Künstler Klaus Erich Dietl hat mit Patienten einer Nervenheilanstalt Hörnerwärmer für Ziegen gestrickt, um die sonst isolierten Menschen öffentlich sichtbar zu machen. Um öffentliche Aufmerksamkeit ging es auch bei der Aktion, bei der Dietl mit Flüchtlingen und Künstlern mit Migrationshintergrund die beiden Telefonzellen aneinanderstrickte – als Zeichen für interkulturelle Kommunikation. Yarn Bombing ist jedem zugänglich, billig und leicht zu erlernen, die Künstler experimentieren mit Stricknadeln, Handstricktechnik, mit Nadel und Faden.

Durchbohrte Parkbanken

Im Gegensatz zu gespraytem Graffiti hinterlässt der Wollvandalismus keine Spuren, den Tatbestand der Sachbeschädigung erfüllt Yarn Bombing damit meist nicht. Trotzdem stricken manche Kollektive lieber nachts – damit die Überraschung für die Passanten am nächsten Morgen größer ist. Die österreichische Künstlerin Christine Pavlic hantiert allerdings auch mit der Bohrmaschine und bohrt Löcher in Parkbänke – durch die sie dann anmutige Herzen aus Garn oder Sprüche wie „Home Sweet Home“ sticht. Bei ihr hat sich allerdings noch nie jemand beschwert.

Die im Street-Art-Bereich immer wieder aufflammende Diskussion über den schwierigen Spagat zwischen Untergrundkunst und Kommerz wird auch von Strickkünstlern geführt. Immer öfter tauchen Strickgraffitis auch in Ausstellungen auf, Magda Sayek und KnittaPlease machen die Strickkunst längst zu Geld. Hotels lassen sich ihr Foyer von den Künstlern verschönern, Sayek verkauft iPhone-Hüllen im Häkeldesign. Da die Gruppe an jedem Strickteil ihr Logo hinterlässt, wird sie teilweise für geschicktes Selbstmarketing kritisiert.

Im vergangenen Jahr hat der Installationskünstler David Cole beim Big West Contemporary Arts Festival im australischen Melbourne mit 40 Freiwilligen in wochenlanger Arbeit ein riesiges, ein Kilometer langes, orange-pinkes Knitting Graffiti angefertigt, das über eine Fußgängerbrücke gehängt wurde. Am Morgen nach der Fertigstellung hing es dann im Fluss darunter – es war mit Messern und Scheren zerschnitten und gekappt worden. Vielleicht waren es Vandalen, vielleicht aber auch Künstler, die dem Knitting Graffiti etwas Temporäres bewahren wollten.

Ein Fahrrad mit gehäkeltem Überzug

Eingestricktes Fahrrad in London


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