Top secret - Top safe: Selbstbefriedigung
Text: Anja Schimanke
Hast du früher auch vom ganz großen Abenteuer geträumt? Wolltest wie Christoph Columbus ein Land entdecken? Oder Pyramiden erforschen und den Schatz den Pharaos finden. Mammuts ausbuddeln? Als erster Mensch den höchsten Berg besteigen? Oder wie Pippi Langstrumpf mit einem selbst gebauten Heißluftballon, an dem ein Bett baumelt, die Welt kennen lernen… einfach wegfliegen, mit einem Rucksack voller Neugierde und jeder Menge Abenteuerlust? Und dann entdeckst du plötzlich, dass ja schon längst alles entdeckt wurde und es schon lange keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte gibt. Na, super… 500 Jahre zu spät geboren, oder wie. Und jetzt? Langweilig wird's nur für die, die keine Phantasie haben. Denn es gibt sie natürlich noch, die weißen Flecken, die unberührten Landschaften: dein Körper! Er ist die Welt, die du entdecken kannst. Ganz allein. Tu es, bevor dir jemand zuvorkommt. Und vergiss' den Rucksack nicht …
Expedition ins Reich der Lust
Den eigenen Körper zu entdecken, ist eins der größten Abenteuer. Es ist nicht nur wahnsinnig spannend, sondern auch extrem aufregend. Du schwitzt. Und stöhnst. Adrenalin schließt dabei durch deine Adern wie ein Floß durch reißende Stromschnellen. Und der Puls trommelt wild und wilder gegen die Innenseite deines Schoßes, wenn du deine tiefen Schluchten erkundest bzw. den Berg bezwingst, den Dschungel durchstreifst, Feuchtbiotope kennenlernst und eigene Höhlen erforschst, dabei im Dunkeln tappst und dich vorsichtig vorarbeitest … Mal langsam, mal schneller, sanft oder auch fester, tasten, fühlen, rubbeln, berühren und so jeden Zentimeter von dir persönlich kennen zu lernen. Es gibt wahre Draufgänger à la Indiana Jones oder Lara Croft, die bei ihrem ganz privaten Lust-Abenteuer völlig cool und zielgerichtet vorgehen, um möglichst schnell den Gipfel (sprich: Orgasmus) zu erreichen. Und es gibt die anderen, die sich Zeit nehmen, sich jedes Tal und alle Hügel zwischen Kopf und Fuß genau befühlen und langsam dem Höhepunkt entgegensteuern. Klar, dass sich Gebiete wie Brustwarzen und Schenkelinnenseite schnell die ersten drei Plätze in deinen Charts "Die 10 erogensten Körperstellen" sichern.
Auf die Finger geschaut
Jungs entdecken mit etwa zwölf Jahren, dass Masturbation sehr befriedigend sein kann und legen mindestens zweimal wöchentlich selbst Hand an… Die meisten allein, aber manche Jungs gehen auch gemeinsam auf Entdeckungstour oder erzählen zumindest von ihrem Abenteuer. Mädchen sind da etwas zurückhaltender, was Selbstbefriedigung angeht. Fast die Hälfte der 13-jährigen hat zwar schon einen Ausflug zum Mittelpunkt ihres Körpers unternommen, aber viele fangen erst nach dem "ersten Mal" mit ihrem Freund an, den eigenen Körper zu erforschen. Selbstbefriedigung steht allerdings nicht in Konkurrenz zur Liebe zu zweit: Während wir uns beim Geschlechtsverkehr nämlich auf unseren Partner konzentrieren, sind wir bei Selbstbefriedigung nur mit uns beschäftigt. Oder um es mit den treffenden Worten von Woody Allen auszudrücken: "Sag' nichts gegen Masturbation - es ist Sex mit jemanden, den ich sehr liebe!"
Forscher unter sich
Schon in den 50er Jahren hat der Sexualforscher Alfred C. Kinsey in einer weltweiten Studie herausgefunden, dass Menschen, die schon früh angefangen haben, sich selbst zu befriedigen, ein aktiveres und somit besseres Sexualleben haben. Frauenärzte schließen sich seiner Meinung an. Sie raten geradezu jedem weiblichen Wesen, sich und seinen Körper erst einmal selbst kennen zu lernen. Besonders, wenn es Schwierigkeiten hat, beim Geschlechtsverkehr zum Höhepunkt zu kommen. 96 Prozent der Jungs, aber nur 82 Prozent der Mädels masturbieren laut Bravo-Studie* regelmäßig und sie tun es statistisch gesehen auch seltener als Jungs. Für Betty Dodson, Pionierin in Sachen Selbstbefriedigung, ist Masturbation ein Weg für uns alle, um etwas über sexuelle Reaktionen zu erfahren: "Wir brauchen uns nicht anzustrengen, um Ansprüche oder Bedürfnisse eines Partners zu erfüllen, brauchen weder Kritik noch Zurückweisung oder Versagen zu befürchten."
Schon seltsam: Für die meisten von uns ist es selbstverständlich, dass ein anderer in unsere Welt eindringt bzw. unseren Körper berührt, auskundschaftet und entdeckt, was für uns selbst manchmal noch völliges Neuland ist. Also, auf zu neuen Ufern.
* Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Dr.-Sommer-Studie von Bravo mit weiterführenden Links findet ihr hier.
Gipfelstürmer und Spaß dabei. [Foto: kallejipp/Photocase]
Wegweiser für Weltenfummler
Masturbation ist, wenn man seine Geschlechtorgane mit der Hand oder den Fingern stimuliert und zum Orgasmus kommt.
Selbstbefriedigung ist gut, weil man seinen Körper und seine Bedürfnisse kennenlernt.
Im antiken Griechenland war Selbstbefriedigung völlig akzeptiert.
Im Mittelalter verteufelte die katholische Kirche die Selbstbefriedigung.
Selbstbefriedigung stellt neben Geschlechtsverkehr die häufigste Form sexueller
Aktivität dar.
Im Ländervergleich stehen die Schweizer mit 96% an der Spitze! Deutschland liegt mit 92% auf Platz 8.
In Nigeria ist Selbstbefriedigung ein Tabu: Nur 30% der Befragten masturbieren gelegentlich - mehr als die Hälfte (55%) hingegen hält Selbstbefriedigung für schädlich.
0,2 bis 0,3% der männlichen Bevölkerung ist so gelenkig, dass sie sich selbst oral befriedigen können. Das nennt man Autofellatio. Die Dunkelziffer der Versuche dürfte um einiges höher sein…
Die meisten Mädchen masturbieren mit gespreizten Beinen im Liegen und mit den Fingern!
Die meisten Jungs onanieren, indem sie ihren Penis mit der Hand umfassen und sie rhythmisch rauf und runter bewegt wird.
43% der Frauen in Deutschland kommen durch Masturbation leichter zum Orgasmus als durch Geschlechtsverkehr (23%).
Manche verwenden Hilfsmittel, um sich zu befriedigen. Das kann ein Kissen sein, aber auch Bilder oder Videos, die man als erregend empfindet.
Hilfsmittel müssen sauber sein (Kondom benutzen!), dürfen weder scharfe noch spitze Kanten haben oder leicht kaputtgehen.
Onanie stammt von Onan ab, einer Gestalt aus der Bibel. Er zelebrierte, laut Moses 38, 1-11, den Coitus interruptus (herausziehen des Penis vor dem Samenerguss) und ließ sein Sperma auf die Erde fallen.
Hand made: Gerüchte über Selbstbefriedigung
Selbstbefriedigung ist gesundheitsschädlich
Quatsch! Mit Selbstbefriedigung ist es wie mit Talkshows: Jeder kennt sie, aber keiner will sie gesehen haben. Warum? Ganz einfach: Wir schämen uns für etwas, was uns in dem Moment ziemlich viel Spaß gemacht, abgelenkt, aufgeregt oder total entspannt hat. Talkshows haben einen schlechten Ruf, Selbstbefriedung leider auch. Blind wird man davon. Und das Rückenmark schwindet. Die Finger fallen einem ab und manchmal sogar die Schamlippen oder die Hoden. Und dumm macht es auch noch. Also Selbstbefriedung, nicht die Talkshows. Obwohl… So oder so ähnlich hat jedenfalls die katholische Kirche im Mittelalter über Masturbation gelästert und laut "Sünde" gerufen und mit der Hölle gedroht.
Richtig: Masturbation kann einem den Himmel auf Erden bescheren - Menschen mit Masturbationserfahrung können das bezeugen!
Selbstbefriedigung machen nur Perverse
Quatsch! Als pervers bezeichnet man Dinge, die außerhalb der Norm liegen und somit unnormal sind. Wenn sich allerdings schätzungsweise rund 90 Prozent der Menschen weltweit selbst befriedigen, aber nur 10 Prozent nicht, dann sollte man sich fragen, was daran nicht normal sein soll … Selbstbefriedigung ist nur dann krankhaft, wenn man es öffentlich macht und zwar unter Zwang.
Richtig: Es ist völlig normal, dass du das Bedürfnis verspürst, dich selbst anzufassen, dich zu streicheln und dir bestenfalls selbst einen Orgasmus bescherst.
Selbstbefriedigung ist nur eine Notlösung
Quatsch! Selbstbefriedigung ist kein Pseudo-Sex oder gar ein minderwertiger Ersatz für richtigen Geschlechtsverkehr.
Richtig: Stell' dir vor, Sex ist ein Game mit verschiedenen Spielarten und Levels - Selbstbefriedigung ist ein Teil davon. Hier kannst du üben, Punkte sammeln und ein anderes Level erreichen.
Selbstbefriedigung macht süchtig
Quatsch! Auch, wenn du dich jeden Tag selbst befriedigst, vielleicht sogar mehrmals, ist das kein Grund zur Panik! Solange du es machst, weil du es schön, entspannend, befreiend findest, ist alles in bester Ordnung. Und Jungs: nach tausend Mal ist noch lange nicht Schluss - die Samenproduktion läuft in der Pubertät auf Hochtouren und sorgt so für genügend Nachschub. Ansonsten: Pause von ein paar Tagen einlegen!
Richtig: Selbstbefriedigung macht glücklich, weil auch bei Solo-Sex Glückshormone ausgeschüttet werden. Es entspannt und du lernst deinen Körper kennen. Mit jedem Orgasmus trainieren Mädchen ihren Beckenboden-Muskel zwischen Schambein und Anus, der für die Erregungsweiterleitung verantwortlich ist. Bei gutem Training kann die Intensität der Lust auf Dauer gesteigert werden. Männer, die regelmäßig onanieren, kriegen seltener Prostatakrebs!
Interview mit Kathrin Hettler, Sexualpädagogin bei Pro Familia
Liebe Frau Hettler, Sex ist in aller Munde, nur beim Thema Selbstbefriedigung verstummen alle. Warum ist das so?
Es ist positiv, weil es zeigt, dass es noch einen Rest von Bewusstsein für Intimität gibt. Insgesamt hat sich Selbstbefriedigung aber heute doch schon zu einer akzeptierten Form von Sexualität gemausert.
Stimmt es, dass Jungs mit Selbstbefriedigung lockerer umgehen und sie sogar zusammen onanieren?
Mädchen definieren ihre Sexualität mehr über das Begehrtwerden als über eigene Bedürfnisse. Wenn ein Mädchen also zugibt, dass sie "es sich selbst macht", heißt das so viel wie: "Ich werde nicht genug begehrt". Das ist in der männlichen Sozialisation anders: Ein Junge, der seinen Kumpels erzählen kann, dass er sieben, acht Mal hintereinander gekommen ist, macht eine Aussage über seine eindrucksvolle Potenz.
Jungs fangen auch schon früher an zu onanieren und machen es sich auch öfter als Mädchen. Woran liegt das?
Klar ist, dass es mit dem Alter und der stattfindenden Entwicklung zu tun hat. Ich glaube, das liegt daran, dass mit Einsetzen der Pubertät und der Hormone Jungs das mit Lust und Orgasmus assoziieren - sie entdecken ein "Plus" an Lebensqualität.
Und bei Mädchen?
Bei Mädchen setzt die Menstruation ein und damit gehen einige weniger erfreuliche Körpererfahrungen einher wie Bauch- und Rückenschmerzen, eine neue Hygieneorganisation, die den Lustaspekt erst mal deutlich überlagern. Hat ein Mädchen seine erste Menstruation, dann bekommt es von der Umwelt auch nicht signalisiert: "Das ist der Startschuss in dein wundervolles reich erfülltes Sexualleben", sondern "Pass bloß auf, dass Du nicht schwanger wirst!"
Seit ein paar Jahren holen die Mädchen aber auf und entdecken mehr und mehr ihren eigenen Körper. Stimmt es, dass sie dadurch leichter zum Orgasmus kommen?
Ja, Qualität beim Sex zu bekommen, ist auch Übungssache!
Gibt es sonst noch Vorteile, wenn man sich selbst befriedigt?
Ja klar, viele! Im Einzelnen sind das zum Beispiel
- Stimmungsaufhellung
- Spannungsabbau
- Erkundung aller Formen sexuell erregender Zonen
- Entwicklung sexueller Ansprüche
Die meisten Ausdrücke, die man kennt und umgangssprachlich benutzt wie runterholen, wichsen und so, beziehen sich auf männliche Selbstbefriedigung. Warum gibt es keine "coole" Bezeichnung, wenn es sich Mädchen selbst machen?
Mir sind aber doch welche eingefallen:
Es sich selbst machen
Das Häschen aus dem Versteck locken
An der Spalte spielen
Den Duschkopf kennenlernen
Rubbeln und Schrubben …
Aber stimmt schon, Sprache wird dann erfunden, wenn es etwas darüber zu sagen gibt und das tun die Mädels ja nicht.
Gibt es Unterschiede zwischen Selbstbefriedigung bei Jungs und bei Mädchen?
Ich ermutige Mädchen uneingeschränkt zur Selbstbefriedigung, weil sie so auch unrealistische Forderungen an den Partner korrigieren können wie "Der wird schon wissen, was er machen muss!" oder "Irgendwie muss das durch das Rein- und Raus ja funktionieren." Oft bekommen Mädchen erst durch viel Übung heraus, wie sie am besten "Kommen", und was sie da für Ideen entwickeln müssen, um das ihrem Partner zu vermitteln.
Was haben sie gemeinsam?
Die Chance auf Eroberung eines tollen Lebensbereichs. Sexuelle Erfüllung ist nicht nur mit Partnern möglich, geschweige denn legitim.
Selbstbefriedigung passiert meist heimlich und im Turbotempo…
… ja, schnell mal eben, zwischen Tür und Angel, aus Angst, dass gleich die Mutter zur Tür hereinkommt. Das wirkt sich letztlich nicht unbedingt positiv auf partnerschaftliche Sexualität aus, denn man prägt sich ja damit auch auf Orte, auf eine bestimmte Stimmungslage und auch auf die Geschwindigkeit bis zum Orgasmus. Sexualität ist kultivierbar, deshalb zeigt sich Selbstliebe sicher auch darin, wie ein Mensch seine Selbstbefriedigung inszeniert.
Gibt es außer den eigenen Händen und Fingern noch Hilfsmittel, die empfehlenswert sind?
Die Klassiker: Pornografie und Vibratoren, klar. Wer sich wirklich kennenlernen will, sollte seine Wahrnehmung schulen und sich fragen, was erregt mich? Das können kann ein bestimmtes Kleidungsstück sein, eine Bettwäsche, die sich gut anfühlt, aber auch Rhythmen, Musikstücke, Gerüche… - je differenzierter, desto besser.
Sie leisten Aufklärung auch an Schulen. Sprechen Sie über das Thema, wenn Sie in die Klassen gehen?
Ja, das ist ganz wichtig!
Gibt es eine typische Reaktion? Wird herumgealbert? Sprüche geklopft? Was erleben Sie da?
Natürlich, das ganze Programm. Wie soll man auch sonst mit einem so persönlichen Thema umgehen? Es ist nicht unser Ziel, dass wir das Gefühl für Intimsphäre bei Jungen und Mädchen zerstören. Wir helfen ihnen darüber hinweg, indem wir bei solchen Themen die Gruppen nach Geschlecht trennen und auch solche Fragen beantworten, die zwischen den gesprochenen Zeilen stehen.
Stars wie Madonna, Lady Gaga oder Lady Bitch Ray liefern auf der Bühne eine Soft-Version von Selbstbefriedigung … Wird sich dadurch etwas in den Köpfen und somit in der Gesellschaft verändern?
Diese neuen Vorbilder zeigen uns eine ganz überraschende Form von Frauenpower und Feminismus. Dass Sexualität dabei nicht ausgeklammert wird, ist erst mal gut: Für mich fühlt sich das, was die Ladys machen, sehr aggressiv und dominant an, einfach eine umgedreht sexistische Art. Das ist sicher eine Antwort, auf e i n e Form von männlich gezeigter Sexualität. Die Möglichkeiten von Sexualität sind doch weitaus facettenreicher.
Herzlichen Dank für Ihre Antworten!
Gern geschehen.
Selbstbefriedigung: Liebeserklärung an sich selbst, von der Haaarwurzel bis in die Zehenspitzen. [Foto: inkje/Photocase]
Mehr Informationen
über Selbstbefriedigung und die Möglichkeit, auch persönlich Fragen zu stellen, gibt's unter www.sextra.de oder www.sexundso.de.
