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Ritzen: Mode oder Verzweifelung?

von Jutta vom Hofe
 
Für manche ist es nur eine vorübergehende Laune. Ein Kick, nichts weiter. Für andere ist es der Ausdruck einer seelischen Störung. Immer mehr Jugendliche ritzen, das heißt schneiden sich mit einer Rasierklinge oder Messer selbst in die Haut. Es ist wichtig zu wissen, was dahintersteckt. Ist es wirklich nur Neugier oder ein Krankheitssymtom? Wer aus Verzweifelung ritzt, braucht dingend Hilfe.
 
Mit jedem Tag, den es länger dauert, wird die Angst größer. Aus einem harmlosen Spaß ist etwas Größeres geworden. Etwas, dass zu Hause auf sie lauert, in ihrem Zimmer, und das sie zwingt, sich jeden Tag zu ritzen. Ein Feind, der sich unentbehrlich gemacht hat. Der sie verspottet und ohne den sie nicht mehr auskommt. Ich will ihn endlich loswerden, sagt Sabrina Möller*, trotzig und ziemlich entschlossen.
Es ist wie ein Zwang. Sie muss es einfach tun. Obwohl sie es hasst und nie mehr machen wollte. Schnell die Tür abschließen, falls die Mutter oder eines der Geschwister zu Hause sind. Es tut gut, wenn das Blut fließt. Rot ist meine Lieblingsfarbe, schreibt Sabrina in einem ihrer Gedichte.
 
Ritzen ist heute so verbreitet wie die Magersucht es in den 70-er Jahren war und die Ess-Brechsucht in den 80-ern, sagen Experten. Wie viele Menschen ritzen, weiß niemand. Die Zahl der Menschen, die sich selbst verletzten - ritzen, den Kopf an die Wand schlagen, sich die Haut aufkratzen, die Fingernägel blutig kauen - wird auf rund 200 000 Menschen geschätzt. Feststeht, dass es vor allem Mädchen und junge Frauen sind, die ihrem eigenen Körper Wunden zufügen. Jungen neigen eher zur Gewalt gegen andere als zu selbstverletzendem Verhalten.

Bei Sabrina fing es ganz harmlos an. Es war die reine Neugier, sagt die 17-jährige. Eine Freundin hat's gemacht. Da wollte ich es auch mal ausprobieren. Das ist nun schon zweieinhalb Jahre her. Damals hat sie sich zwei- oder dreimal den Arm aufgeritzt. Danach war Schluss. Erst im September 2005 ging es wieder los, vor ihrer Klassenfahrt. Ich hatte Riesenangst vor den anderen. Dass ihre Ex-Freundin sie wieder mobbt, dass sie gemeine Gerüchte über sie verbreitet, dass alle über sie lachen. Und sie wieder ganz alleine dasteht. Sabrina erzählt all dies mit einem freundlichen Lächeln, spricht leise und sehr überlegt.
 
Die Klassenfahrt wird zum Desaster. Ein paar andere Mädchen überraschen sie beim Ritzen und sind geschockt, sagen aber nichts. Ich hätte es gut gefunden, wenn sie mich irgendwann noch mal darauf angesprochen hätten, sagt Sabrina, während sie ihre langen dunklen Haaren aus dem Gesicht streicht. Und später, mit ihrem schüchternen Blick zur Seite: Mein größtes Problem ist die Einsamkeit. Das Ritzen sei wie eine Bestrafung, sagt sie. Wenn das Blut fließt, fühle sie sich besser. Dann spüre ich, dass ich da bin. Schmerzen empfindet sie dabei keine. Das geht fast allen so, die sich selbst verletzen. Das liegt an der absoluten Ausnahme-Stressituation, wie Experten sagen. Ähnlich wie bei manchen Fußballprofis, die sich den Fuß brechen und trotzdem das Spiel zu Ende durchspielen.
 
Doch Ritzen ist kein Spiel und hinterher kommt der Katzenjammer. Dann ist das schlechte Gewissen da, die Scham, die Selbstvorwürfe. Warum schon wieder?, fragt sich Sabrina dann. Und Das ist doch nicht normal. Außerdem hat sie Angst, dass Narben bleiben. Weil sie nur am Oberarm ritzt, kann sie die Schnitte auch im Sommer unter einem T-Shirt verstecken. Aber schwimmen gehen kann sie nicht mehr, sagt Sabrina und guckt ihr Gegenüber zum ersten Mal an: Das ist eine schlimme Vorstellung, dass ich in 40 Jahren immer noch daran erinnert werde.

Nicht jeder, der mal ritzt, ist krank, sagt Prof. Gerd Lehmkuhl, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universitätsklinik Köln. In manchen Klassen ist es, als wäre das ansteckend. Von einer Modeerscheinung spricht auch der Psychiater Ulrich Sachsse von der Göttinger Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, der seit Jahren Menschen behandelt, die sich selbst verletzen. Viele tun es nur vorübergehend, genau wie sie mal Alkohol oder Drogen versuchen. Man muss sich im pädagogischen Alltag darauf einstellen, dass Mädchen ritzen, bestätigt Ute Wiegmann, Leiterin der Kinderheime in Köln-Brück. Es sei kein Massenphänomen, aber bei uns ist das als Thema präsent. Manche Mädchen würden nur ritzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber es sei gefährlich, das Ritzen als Lappalie abzutun. Man muss das immer ernst nehmen, sagt Wiegman. Die Mädchen machen das ja nicht zum Vergnügen. Ihre Devise: nicht dramatisieren, aber auch nicht verharmlosen. Wer ritzt, wird deshalb möglichst an einen Therapeuten oder Jugendpsychiater vermittelt. Denn es gibt eben auch diejenigen, die krank sind. Es ist wie ein Medikament für sie, sagt Ulrich Sachsse. Immer wenn sie sich und ihren Körper nicht fühlen können, verordnen sie es sich selbst. Sachsse: Sie verletzen sich, um sich wieder lebendig zu fühlen. Dabei können sie abhängig werden von ihrer Medizin. Und viele steigern die Dosis.
 
Zur Zeit ritzt Sabrina täglich, manchmal sogar zwei Mal am Tag. Ich will auf jeden Fall davon loskommen, sagt sie. Deshalb war sie bereits bei einer Beratungsstelle. Doch sie hat sich nicht getraut, übers Ritzen zu reden. Nur von den Schwierigkeiten in ihrer Familie. Zum Beispiel davon, dass sich ihre Eltern früher nächtelang lautstark im Wohnzimmer nebenan gestritten haben. Dass sie von da an Durchschlafprobleme hatte, schon in der Grundschule. Seit ihre Eltern sich schließlich trennten - Sabrina war 12 - kann sie abends kaum mehr einschlafen. Oft bekommt sie nur vier, fünf Stunden Schlaf, ist am nächsten Tag wie gerädert.
 
Ihr Vater hat sich nach seinem Auszug kein einziges Mal mehr bei ihr gemeldet, vier Jahre lang. Wenn der eigene Vater sich nicht meldet, hat das nichts mit Liebe zu tun. Sie sagt das ganz ruhig, ohne Vorwurf, scheinbar ohne große Gefühle. Die drückt sie in einem ihrer Gedichte aus: Wer würde mich schon vermissen?. Und: Meine Seele ist doch tot! Nur nicht, wenn ich mich quäle! (...) Rote Tränen vernichten, sie zerstören, sie schmerzen! Und dennoch tun sie gut! Ihrer Mutter will sie auf keinen Fall etwas vom Ritzen sagen, auch nicht von den Selbstmordgedanken. Nur eine Freundin, die selber früher mal geritzt hat, weiß Bescheid. Ihr kann sie alles erzählen, doch diese Freundin darf sie nur heimlich treffen, weil meine Mutter sie für eine Schlampe hält. Deshalb verbringt sie fast jeden Nachmittag alleine in ihrem Zimmer. Andere treffen sich fast jeden Tag mit Freundinnen. Ich hätte auch gern mehr Freunde. Ins Tagebuch schreibt sie: Wie sollen mich andere lieben, wenn ich mich selbst hasse?

Wer sich selbst verletzt, fühlt sich fast immer sehr einsam und von allen verlassen. Drei Ursachen führen laut Experten dazu, dass jemand versucht, seinen inneren Schmerzen durch äußere zu betäuben: Vernachlässigung, körperliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe in der Kindheit und Jugend. In den meisten Fällen, so der New Yorker Psychotherapeut Steven Levenkron, ist die Selbstverletzung das letzte Glied in der Kette von vorangegangenen Symptomen. Die meisten, für die das Ritzen zur Sucht wird und die ohne fremde Hilfe nicht davon loskommen, hatten vorher Probleme mit Magersucht oder Bulimie; viele sind depressiv, denken an Selbstmord oder haben bereits einen Selbstmordversuch hinter sich.
 
Ob hinter dem Ritzen eine ernsthafte Störung steckt oder ob es nur eine Marotte, eine Mode ist, hängt von der Gesamtsituation der Betroffenen ab. Wer schon Probleme mit Alkohol bzw. anderen Drogen hat oder wer an einer Essstörung leidet, ist gefährdeter als jemand, der sonst gut mit seinem Leben klar kommt. Man muss sehen, welche gesunden, stabilen Anteile noch da sind, sagt Prof. Gerd Lehmkuhl. Auch wie lange jemand ritzt, spielt eine Rolle. Wenn jemand sich über mehrere Monate oder ein halbes Jahr selbst verletzt, sollte man an eine Therapie denken, so Prof. Sachsse. Freunde, die Clique, auch die Eltern sind fast immer überfordert. Von denen, die krank sind, leiden 80 Prozent an einer sog. Borderline-Störung. Damit ist eine schwere Persönlichkeitsstörung gemeint, die sich durch sehr wechselhafte Stimmungen, gestörte zwischenmenschliche Beziehungen, mangelndes Selbstvertrauen und autoaggressive Verhaltensweisen äußert.
 
Steven Levenkron, der seit vielen Jahren Jugendliche behandelt, die sich selbst verletzen, beschreibt seine typische Patientin bzw. Patienten so: Die sich selbst verletzende Person ist ein liebenswerter Mensch, der manchmal Erstaunliches leistet und unzählige Probleme hat. Sie (oder manchmal er) glaubt, anders zu sein als alle anderen Menschen. Die geborene Außenseiterin. Sie ist meistens ein eher ängstlicher Typ und ist fast immer überzeut, die erwarteten Leistungen nicht zu erbringen und andere zu enttäuschen. Wer sich als Kind und Jugendlicher geborgen und geliebt gefühlt hat, wird sich später nur sehr selten selber Schmerzen zufügen.
 
Alles Sätze, hinter die Sabrina nur einen Haken machen kann. Da ist die Angst, das Gymnasium nicht zu schaffen, obwohl sie gerne Abitur machen würde. Die Sorge, für andere nicht attraktiv genug zu sein. Keine Freunde zu finden. Vielleicht später keinen Ausbildungsplatz, keinen Job zu bekommen. Allerdings ist das alles schon ein bisschen besser geworden. Die Erziehungsberaterin hat zu ihr gesagt, sie sei selbstbewusster geworden. Scheint zu stimmen. Denn neulich hat sie etwas geschafft, was sie sich nie zugetraut hätte: Sie hat ihrem Hausarzt vom Ritzen erzählt, der hat ihr die Telefonnummer einer Psychotherapeutin gegeben und sie hat sogar dort angerufen! Ich muss es unbedingt schaffen, sagt sie, und alleine geht es einfach nicht. Und ihre Chancen stehen gut. Laut Psychiater Sachsse ist die Erfolgsquote weit besser als bei vielen anderen Süchten oder seelischen Störungen. Dank professioneller Hilfe gelingt es 70 bis 80 Prozent der Betroffenen, vom Ritzen wieder loszukommen.
 
*Name von der Redaktion geändert

Hilfe und Anlaufstellen

Weiterführende Links
* www.svv-info.de
Informationen über selbstverletzendes Verhalten und Adressen von Anlaufstellen
* www.rotelinien.de
Eine weitere Seite der SVV mit Anlaufstellen, Erfahrungsberichten und Ratschlägen zur Selbsthilfe.
* www.dajeb.de Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V. (DAJEB) (Online-Beratungsführer)
* www.praevention.org
Buchtipps zum Thema Ritzen und selbstverletzendem Verhalten

 
Weitere Ansprechpartner
Kiss - Informationen zu Selbsthilfegruppen
(auch zu SVV)
Fuhlsbüttler Str. 401,
Tel. 040/6311110,
Mo., Mi. 10-12 Uhr + 16-19 Uhr,
Do. 10-12 Uhr

Buchtipps

  • Der Schmerz sitzt tiefer - Selbstverletzung verstehen und überwinden, von Steven Levenkron, Kösel-Verlag, München 2004, 19,90 € (Hinweis: sehr verständlich geschrieben mit vielen Fallbeispielen)
  • Selbstverletzendes Verhalten - Psychodynamik - Psychotherapie, von Ulrich Sachsse, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, 20,90 € (Hinweis: für interessiertes Laienpublikum, aber wesentlich fachlicher, auch Fallbeispiele)
  • Verschlossene Seele: Erfahrungen mit Selbstverletzungen. Von Gabi Lummas, zu bestellen bei: www.verlag-die-jonglerie.de/verschlossene_seele.htm , 7,00 € (incl. Versand) (Hinweis: beeindruckende Autobiographie, ausgezeichnet mit Europapreis der World Writers Association; leider nicht im Buchhandel erhältlich)

Quell-URL: http://212.66.17.154/themen/ritzen.php