Religionen – eine Frage des Glaubens
Text: Sonja Peteranderl
Wie entstand die Welt? Wer bin ich? Ist der Mensch mehr als sein Körper? Wo finde ich den Sinn des Lebens? Und existiert ein Leben nach dem Tod? Philosophische Konzepte, wissenschaftliche Theorien und Religionen geben verschiedene Antworten auf diese Fragen. Religionen sind Glaubenssysteme, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, die Welt erklären und Prinzipien oder konkrete Handlungsanleitungen formulieren, nach denen man sich richten kann.
Zu den Weltreligionen werden – nach Größe geordnet – das Christentum, der Islam, Hinduismus, Buddhismus und das Judentum gezählt. Die „Big Five“ unter den Religionen haben einen universellen Anspruch und viele Anhänger, die sich über die ganze Welt verteilen.
Christentum: Kreuz und Nächstenliebe
Das Christentum vereint mit etwa 2,26 Milliarden Anhängern die zahlenmäßig größte Glaubensgemeinschaft. Die Christenheit ist in unterschiedlichen Kirchen und Gruppierungen organisiert – wie zum Beispiel der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche. Diese christlichen Kirchengemeinschaften können voneinander abweichende Lehrmeinungen und Praktiken in der Ausübung ihrer Religion vertreten. Auf dem afrikanischen Kontinent existieren neben Missionskirchen, die die Kolonialmächte im 19. Jahrhundert zur Verfestigung ihrer Macht etablierten, zahlreiche unabhängige afrikanische Kirchen, die sich aus Protest gegen die Missionierung entwickelten und die christliche Lehre mit afrikanischen Traditionen und spirituellen Elementen verbinden.
Das Christentum wurzelt im Judentum: Christen glauben an den jüdischen Wanderprediger Jesus Christus. Der christlichen Lehre zufolge hat er als Gottes Sohn und zur Erlösung der Menschheit zu Beginn des 1. Jahrhunderts in Palästina gelebt. Da Jesus predigte, dass Gott alle Menschen liebe, auch Sünder und Gesetzesbrecher und dies in seinem Handeln manifestierte, wurde er als Rebell zum Tode verurteilt. Das christliche Symbol des Kreuzes erinnert an die Kreuzigung von Jesus, der drei Tage nach seinem Tod an Ostern auferstanden ist und so den Tod überwunden hat. Die Heiligen Schriften der Christen sind das Neue Testament der Bibel sowie das Alte Testament, das der jüdischen Bibel entspricht. Islam, Judentum und Christentum sind monotheistische Religionen, sie glauben an nur einen Gott. Viele Christen sind von der Dreifaltigkeit Gottes überzeugt: er ist gleichzeitig Gottvater, Gottes Sohn – in Gestalt von Jesus Christus – und Heiliger Geist, der alle Lebewesen beseelt. Zentrales Gebot für Christen ist die tätige Nächstenliebe, die bedingungslose Liebe Gottes soll an die Mitmenschen weitergegeben werden.
Islam: Fastenzeit und Pilgerreise
Der Islam ist mit etwa 1,3 Milliarden Gläubigen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Muslime sehen in Mohammed den Gesandten Gottes, Allahs. Mohammed, der um 570 nach Christus als Kaufmannssohn im heutigen Saudi-Arabien geboren wurde, empfing die göttlichen Offenbarungen, die im Koran niedergeschrieben sind und als Heiliges Wort Gottes gelten. Neben dem Koran ist die Sunna die wichtigste Quelle für islamisches Recht und Normen im Alltag, sie umfasst das vorbildhafte Leben, die Handlungen und Worte des Propheten Mohammed.
Jeder islamische Gläubige erfüllt fünf Pflichten, die Säulen des Islams. Mit dem Glaubensbekenntnis zu Allah als einzigem Gott und seinem Propheten Mohammed wird man zum Muslim. Die Anhänger des Islam sollen sich fünfmal täglich im Gebet an Allah wenden – ob in der Moschee, bei der Arbeit oder zuhause. In islamischen Ländern ruft der Muezzin von der Moschee aus zum Gebet. Eine weitere Pflicht ist die Almosensteuer. Ein Teil des Einkommens soll an Bedürftige verteilt werden, um für sozialen Ausgleich zu sorgen. Auch das Fasten im Fastenmonat Ramadan gehört zu den religiösen Pflichten. Schweinefleisch und Alkohol sind nicht nur in der Fastenzeit verboten. Mindestens einmal im Leben soll jeder Muslim nach Mekka reisen und beim Umrunden der Kaaba, dem Haus Gottes in schwarzer Würfelform, Allah durch Gebete ehren. Die Reise nach Mekka kann allerdings gefährlich werden: Wurden die Pilgergruppen auf dem Weg früher durch Raubüberfälle bedroht, kommt es heute manchmal zu Massenpaniken mit Toten und Verletzten. Als Symbol des Islam wird meist eine Mondsichel dargestellt.
Hinduismus: Ewiger Kreislauf und heilige Kühe
Die Ursprünge des Hinduismus liegen über 3000 Jahre zurück. Damals entstanden die heiligen Schriften der Hindus, die Veden. In ihnen sind Erzählungen über Götter, Beschwörungen und Lieder niedergeschrieben. Die etwa 900 Millionen Hindus leben vor allem in Indien. Es gibt viele unterschiedliche Glaubensrichtungen, die auf verschiedene Begründer zurückgehen. Für die meisten Hindus bestimmt der ewige Kreislauf, Samsara, die Welt: Menschen und Tiere werden immer wieder geboren, sterben und werden wiedergeboren. Hindus glauben, dass Brahman, die Weltseele, eine göttliche Kraft, alles beseelt und lebendig macht. Das Karma – das Konto der guten und der schlechten Taten aus dem letzten Leben – bestimmt, als welches Lebewesen und in welcher Kaste eine Seele wiedergeboren wird. Das Kastenwesen legte lange die gesellschaftlichen Positionen und damit die Machtverhältnisse fest; vor allem im städtischen Raum löst sich das Kastendenken aber langsam auf.
Die göttliche Energie ist überall: In vielen Häusern steht ein kleiner Altar mit einer Götterfigur, vor dem die Familien zusammen beten und meditieren. In Städten, auf Bergen und mitten in der Natur haben Hindus große Tempel oder Hütten mit Altären für ihre Götter gebaut. Vielen Hindus ist der Ganges heilig. Tausende pilgern jeden Tag zu dem Fluss, um ein Bad zu nehmen. Es soll von allen Sünden reinigen. Viele Hindus wollen am Ganges sterben und ihre Asche dort verstreuen lassen. Der Fluss ist aber mittlerweile so verschmutzt, dass ein heiliges Bad gesundheitsschädlich, sogar lebensgefährlich sein kann. Rindfleisch ist für die meisten Hindus deshalb tabu, weil sie das heilige Tier mit Krishna, dem wiedergeborenen Gott Vishnu, in Verbindung bringen.
Buddhismus: Meditation und Erleuchtung
Der Buddhismus ist eine friedliche Religion und eine mit anderen Religionen vereinbare Lebenseinstellung, die aus Indien kommt und vor allem in Asien verbreitet ist. Etwa 850 Millionen Anhänger glauben an die Lehre Buddhas. Im Vordergrund steht die Lehre des mittleren Wegs zwischen Askese und Ausschweifung und das Ziel, möglichst viel Gutes zu tun. Der Religionsstifter Siddhartha Gautama lebte irgendwann zwischen 400 und 500 vor Christus im heutigen Nepal. Er wandte sich als junger Mann ab vom Reichtum und Luxus seines Elternhauses und gelangte durch Askese, Meditation und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Philosophien zur Erleuchtung. Siddharta predigte die vier edlen Wahrheiten und den achtfachen Pfad von Tugend, Meditation und Weisheit. Die Wahrheiten bestehen in der Erkenntnis, dass die Existenz von Leiden geprägt ist, das wiederum aus Begehren entsteht. Das Leiden kann durch die Erreichung des Nirvana überwunden werden, wohin der achtgliedrige Pfad führt – das achtgliedrige „Rad der Lehre“ symbolisiert daher den Buddhismus.
Das Nirvana ist kein vorstellbarer Ort wie das Paradies, sondern die höchste Bewusstseinsstufe, in der sich der Mensch von Leben, Leid und seinem Ich löst. Buddha ging nicht von der Existenz eines Gottes und einer göttlichen Offenbarung aus. Jeder kann die Erleuchtung erlangen, wenn er wie Siddhartha Einsicht in die Lehre und deren Methodik – wie Meditation – erlangt. Der erleuchtete Siddhartha, Buddha, soll das Nirvana schon zu seinen Lebzeiten erreicht haben. Für den Durchschnittsanhänger dauert die Reifung zur Einsicht mehrere Leben – Buddhisten hoffen daher auf Wiedergeburt, um der Erleuchtung mit jedem Leben näherzukommen. Sie glauben nicht an eine Wiedergeburt in der immer gleichen menschlichen Gestalt, sondern an sich wandelnde Reinkarnationen [o.: Verkörperungen]. Zur Buddhistengemeinde gehören Mönche und Nonnen sowie Laien, die Hierarchien zwischen den Gruppen sind unterschiedlich. Laien erlangen spirituelle Erleuchtung durch die Belehrung durch Mönche, und sie unterstützen ihre Lehrer täglich mit Almosen, damit diese sich ihrem Studium und der Meditation widmen können. Meditation spielt eine wichtige Rolle im Leben der Buddhisten. Durch die Verpflichtung, Gutes zu tun, lehnen Buddhisten den Handel mit tödlichen Instrumenten wie Gift oder Waffen ab, ebenso Berufe, bei deren Ausübung Lebewesen getötet oder unterdrückt werden.
Judentum: Gelobtes Land und getrennte Waschmaschinen
Das Judentum ist mit nur etwa 13,5 Millionen Gläubigern die kleinste der Weltreligionen, dafür spielt es in der Religionsgeschichte eine wichtige Rolle – Christentum und Islam beziehen sich vielfach auf die jüdischen Überlieferungen. Mit ungefähr 4000 Jahren ist das Judentum die älteste Religion der drei monotheistischen Glaubensgemeinschaften. Bereits zum Ende der Antike waren jüdische Gemeinden über die ganze Welt verteilt, bis hin nach China, Indien und Afrika. Wie Christentum und Islam sieht der jüdische Glauben Abraham als Stammvater. So soll Gott Abraham versprochen haben, ihn zum Vater eines großen Volkes zu machen und ins "Gelobte Land" zu führen, das auf dem Gebiet des heutigen Palästina liegt – wenn Abraham ihn als einzigen Gott erkenne und seine Gebote halte.. Die Thora, der zentrale Teil der jüdischen Bibel, welche die Juden Tanach und die Christen Altes Testament nennen, handelt von der Erschaffung der Welt, der Berufung der Israeliten zum auserwählten Volk Gottes und den beschwerlichen Wanderungen der Nachkommen Abrahams bis zu ihrer Ankunft im Gelobten Land. In die Heilige Schrift sind 613 Gebote integriert, die Verhaltensgrundsätze der Juden gegenüber Gott und anderen Menschen formulieren. Die Diskussionen um die Auslegung der Bibel wurden im Talmud auf knapp 10.000 Seiten veröffentlicht. Diese zweite wichtige Schrift des Judentums hilft mit Erklärungen und Geschichten, die strengen Gebote und Gesetze zu verstehen und im Alltag umzusetzen.
Zu den Geboten gehören unter anderem das tägliche Gebet, das Studium der Thora und die Einhaltung des Ruhetags am Sabbat. Die traditionelle Kleidung beim Gebet sind Gebetsschal, Gebetsriemen um Kopf und Arm und ein Käppchen – mit der sogenannten Kippa wird das Haupthaar aus Respekt vor Gott bedeckt. Zum gemeinsamen Gebet trifft sich die jüdische Gemeinde in Synagogen. Am Sabbat, von Freitagabend bis Samstagabend, dürfen Juden, die die Aufzeichnungen strikt befolgen, kein Feuer anzünden und – modern ausgelegt – keine elektrischen Geräte benutzen. Das Sabbat-Essen wird schon am Freitag zubereitet und aufgewärmt. Die jüdischen Speisegesetze legen fest, welche Nahrungsmittel „koscher“, also erlaubt sind. Huftiere, die gleichzeitig Wiederkäuer sind, wie Ziegen oder Kuhfleisch, stehen auf dem Speiseplan, Schweine sind dagegen verboten. Eine Vermischung von Blut (Fleisch) und Milch wird durch den Gebrauch unterschiedlicher Teller und Bestecke, bei strengen Gläubigen auch durch den Einsatz zweier getrennter Spülmaschinen vermieden. Seit 1527 gilt der sechseckige Davidstern aus zwei Dreiecken als Symbol des jüdischen Glaubens.
Vererbter Glaube?
Durch Herkunft oder Glaubensbekenntnis: Die Wege zur Religion sind unterschiedlich – ebenso wie die Austrittsmöglichkeiten. Buddhist kann jeder werden, die „Zufluchtnahme“ zu diesem Glauben wird von intensiver Auseinandersetzung mit den buddhistischen Lehren, Meditation und teilweise einer Zeremonie begleitet. Viele Buddhisten sind davon überzeugt, dass jemand in dem Moment zum Buddhist wird, in dem er beschließt, einer zu sein – und den Glauben versteht und praktiziert. Zum Hinduismus kann traditionell niemand konvertieren. Hindu ist, wer in einer hinduistischen Familie geboren wird – dies gilt dann lebenslang. Manche Gemeinschaften, wie die Hare Krishna Bewegung, eine amerikanische Variante des Hinduismus, nehmen aber Nicht-Hindus als neue Mitglieder auf, da das Kastenwesen ihrer Meinung nach nicht durch Geburt, sondern durch Verhalten und Charakter definiert wird.
Das Sakrament der Taufe symbolisiert die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft; weitere Riten im Jugendalter, wie die Konfirmation bei den Protestanten und die katholische Kommunion, demonstrieren die Zugehörigkeit zum Christentum. Kinder mit einer jüdischen Mutter sind automatisch selber Juden oder Jüdinnen. Teilweise werden auch Kinder als Juden anerkannt, die keine gläubige Mutter, aber einen gläubigen Vater haben. Auch wer nicht in eine jüdische Familie hineingeboren wurde, kann zum Judentum konvertieren – er muss sich zum jüdischen Glauben bekennen und sich an die Gebote der Thora halten. Muslimische Eltern geben ihren Glauben an ihre Kinder weiter, viele Kinder lernen in Koranschulen, den Koran zu lesen. Erwachsene, die zum Islam übertreten möchten, müssen ein Glaubensbekenntnis zu Allah und seinem Propheten Mohammed aussprechen.
Religion ist nicht Religion
„Den“ Christen, Juden, Muslim, Hindu oder Buddhisten gibt es nicht. Es existieren zu viele unterschiedliche Glaubensrichtungen und Alltagspraktiken, um die Anhänger der Weltreligionen exakt zu kategorisieren. Dabei gibt es für Gott keinen wissenschaftlichen Beweis oder Gegenbeweis – Gott, Allah, Jesus, göttliche Energie, Paradies, Hölle und Reinkarnation sind Glaubenssache. Im Namen Gottes wurden und werden immer wieder politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse gerechtfertigt sowie Gewalttaten verübt – ob im „Heiligen Krieg“ radikaler muslimischer Islamisten oder in der Geschichte der christlichen Kreuzzüge im Mittelalter. Glauben kann aber für viele Anhänger auch einfach Hilfe im Alltag oder bei Schicksalsschlägen bedeuten. Aus den heiligen Schriften lesen Geistliche und Gläubige unterschiedliche Hinweise heraus: Manche halten stark an den Auslegungen ihrer Vorfahren fest, andere interpretieren Regeln und Überlieferungen im Kontext der Gegenwart. Religion ist nicht Religion, Glauben ist nicht Glauben: Ein vorurteilsfreier, aber auch kritischer Blick sollte die Auseinandersetzung mit religiösen Ansichten und Argumenten begleiten.
Fotocredits
Christentum: Mädchen bei der Kommunion
Fotograf: Florian Seiffert
Islam: Mädchen beim Gebet
Fotograf: Ranoush
Buddhismus: Mönch in San Francisco beim Mandala-Zeichnen
Fotograf: Gustavo Thomas
Hinduismus: Mädchen in einem Hindu-Tempel in Kenia
Fotograf: Dave Blume
Judentum: Jüdische Familie in Antwerpen
Fotograf: Dave Blume
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