Mobbingalarm: Alle gegen einen
Stell’ dir vor, du gehst in die Schule … und deine Mitschüler machen dich fertig! Im Unterricht lachen sie bei jeder Antwort, die du gibst oder machen abfällige Bemerkungen. Zettelchen werden in der Klasse herumgereicht, auf denen Gemeinheiten stehen wie „XY stinkt!“. Oder dreiste Lügen. Dein Füller verschwindet, und deine Sportsachen findest du häufig in einem der Schulklos wieder. Lustig? Im Gegenteil, dir ist zum Heulen. Auf den Fluren wird hinter deinem Rücken geflüstert und gekichert – auf deiner Rückseite klebt nämlich mal wieder ein Blatt: „Ich bin eine Hackfresse!“ Und das ist noch harmlos. Richtig Panik bekommst du mit dem Pausenklingeln, denn jetzt geht die Schikane der anderen erst richtig los: Heute hast du angeblich statt Butter Fett auf deinem Brot – das von deinen Haaren. Außer dir amüsieren sich alle köstlich und lachen sich schlapp. Absoluter Alptraum. Jemand verpasst dir einen heftigen Tritt, ein anderer schubst dich von hinten. Selbst der Mitschüler, der dich ein paar Mal verteidigt hat, greift nicht ein, schaut schnell weg. Warum hilft mir denn keiner? Dein Magen krampft sich zusammen, der Kloß im Hals wird dicker und dicker. Du beißt dir auf die Innenseite deiner Backentasche, der Schmerz ist kaum auszuhalten. Immer noch besser, als vor denen in Tränen auszubrechen! Pff, die Genugtuung willst du ihnen nicht geben. Es klingelt – die Pause ist zu Ende. Dein Leidensweg nicht.
Schule ist die Hölle
Es gibt garantiert Tage, da würdest du am liebsten blaumachen. Decke über den Kopf, fertig! Rund 500000 Schüler in Deutschland geht es jeden Tag so. Nicht, weil Matheklausur oder Vokabeltest auf dem Stundenplan stehen, sondern ihnen von ihren Mitschülern Gewalt angetan wird, seelische und körperliche. Heute, Morgen und nächste Woche auch. „Ich will nicht immer der Doofmann für alle sein“, schreibt Bastian B. in seinem Internet-Tagebuch. Er wird von seinen Mitschülern zwischen der 5. und 8. Klasse tyrannisiert: „Es ist die Hölle auf Erden …!“ Bastian will Rache – und läuft Amok! In seiner ehemaligen Schule schießt er auf den Hausmeister, eine Lehrerin und die Schüler. Am Ende erschießt er sich selbst. „Das Drama von Emsdetten“ nennen es die Medien. Als Motiv gibt die Staatsanwaltschaft „Allgemeiner Lebensfrust“ an: Während seiner Schulzeit hatte Bastian soziale Probleme mit Mitschülern und zwei Klassen wiederholen müssen. Er wurde auch von seinen Mitschülern gemobbt, was neben anderem offensichtlich zu seiner Tat führte, so der Erklärungsversuch.
Mobbing – wieso, weshalb, warum
Mobbing kommt aus dem Englischen und bedeutet anpöbeln, fertigmachen. Experten sprechen auch von Bullying (to bully = tyrannisieren, einschüchtern). Der Begriff stammt von Professor Dan Olweus, der sich seit über 30 Jahren mit Gewalt an Schulen beschäftigt. Nachdem sich drei Schüler aus Norwegen das Leben nahmen, weil sie gemobbt wurden, entwickelte er Methoden, die das zukünftig verhindern sollen. Übrigens: Seine „Anti-Bully-Strategien“ nutzt auch die Polizei bei ihren Kampagnen „Keine Chance mehr für Bullies“ und „Abseits!?“ zur Gewaltprävention an Schulen (www.polizei-beratung.de/vorbeugung/jugendkriminalitaet/gewalt_an_schulen).
Kleine Streitigkeiten unter Gleichaltrigen sind normal. Erst wenn sich die Hänseleien und Beschimpfungen wiederholen und über einen längeren Zeitraum gehen, spricht man von Mobbing. In fast allen Fällen handelt es sich dabei um eine Gruppe, die auf einen einzelnen, meist schwächeren Schüler, losgeht. Bullies bzw. Mobber machen einen aus der Klasse systematisch fertig. Jeder dritte Schüler wurde schon mal gemobbt, jeder siebte war daran beteiligt! „Die Einteilung der Schüler nach Popularität erleichtert es Bullies, geeignete Opfer zu erkennen“, erklärt Dr. Mechthild Schäfer. „Ihre Angriffe richten sich spezifisch gegen die, die nicht viel Unterstützung erwarten können, leicht zu isolieren und schnell in eine stabile Opferrolle zu drängen sind“, weiß Dr. Schäfer, die am Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik der LMU forscht. „Das hat mit der Klassenhierarchie zu tun!“ Was das heißt? Es gibt einen in der Klasse, der beliebt, aber gemein und unfair ist (Bully), einen schwächeren Mitschüler (Opfer) und ganz viele andere, die mit ihrem Verhalten die Angriffe erst möglich machen – die so genannten Assistenten …
Gemeinsam sind wir stark
Mitlästern, anfeuern, aufhetzen, Gerüchte über das Opfer verbreiten – die Assistenten helfen dem Bully immer mächtiger zu werden! Jungs traktieren mit körperlicher Gewalt, Mädchen gehen subtiler vor und verletzten durch Worte, oder indem sie das Opfer absichtlich ausgrenzen. Mitgefühl? Sucht man vergeblich. Leider auch Verteidiger. Aus Angst, selbst zum Opfer zu werden, traut sich nämlich keiner Partei für den Leidtragenden zu ergreifen. „Jeder will dazugehören oder cool sein!“ erklärt der 16-jährige Schüler Alex Hemker, der die Internetseite www.schueler-gegen-mobbing.de ins Leben gerufen hat. Hier hat er sein Martyrium öffentlich gemacht, gibt anderen Opfern Tipps und macht Mut. Denn wie er sich in den vier Jahren als Opfer gefühlt hat, weiß er noch genau: „Ich war wütend auf die, die mich täglich schikanierten. Traurig! Hilflos! Aber auch wütend auf die, die mir nicht geholfen haben …“.
Du würdest ja gerne helfen, traust dich aber nicht? Hast Angst zwischen die Fronten zu geraten und dich mit deinem Einsatz selbst ins Aus oder gar in die Schusslinie zu manövrieren? Der Bully ist stärker, die Cliquen-Anführerin beliebter als du? Bei einer Studie über Mobbing kam Erstaunliches heraus:
- Durch passives Zuschauen, verstärkst du das aggressive Verhalten des Bullies
- Aber: Wenn Gleichaltrige eingreifen, wird jede 2. Mobbingattacke direkt gestoppt!
Wer eingreift und dem Opfer hilft, kann einen Übergriff sofort stoppen!
So kannst du Mobbing stoppen und dem Opfer helfen:
- Rede mit dem Opfer, sage ihm, dass du ihm helfen wirst und stärke ihm beim nächsten Angriff den Rücken
- Akzeptiere nicht länger, dass in deinem Freundeskreis gemobbt wird! Frage deine Mitschüler ganz konkret: „Findest du es okay, dass XY fertiggemacht wird?“
- Unterstütze kein Mobbing mehr
- Nimm’ den Betroffenen in Schutz, indem du über ihn etwas Positives sagst wie „Den Spruch von XY zum Mathelehrer fand ich Hammer!“
- Mit dem Satz „Was ist cool daran, Schwächere zu dissen?“ bringst du andere zum Nachdenken – und nach und nach zum Aufhören!
- Keine Lästereien mehr!
- Keine Witze auf Kosten anderer
- Keine Schimpfwörter
- Keine rassistischen und diskriminierenden Sprüche
- Sage dem Bully, dass er aufhören soll
- Erkläre dem Bully ruhig und sachlich: „Wenn du XY nicht in Ruhe lässt, werde ich es dem Klassenlehrer sagen!“
- Aggressives Verhalten ist nicht tolerierbar und wird ab sofort nicht mehr geduldet – nicht in der Clique, in deiner Klasse oder auf dem Schulhof
- Werde aktiv und tu etwas gegen die Schikanen!
- Mache andere sofort auf eine Mobbingattacke aufmerksam, denn eine große Öffentlichkeit hemmt den Täter
- Informiere einen Erwachsenen, wenn du dich nicht traust oder anonym bleiben willst
Merke dir: Wer andere fair behandelt, wird respektiert und unterstützt!
Tipp:
FearNot! (Hab keine Angst) ist ein Computerspiel, das von Wissenschaftlern entwickelt wurde. Dabei erlebst du als virtueller Freund eines Mobbing-Opfers Situationen mit, kannst interaktiv Ratschläge erteilen, Verteidigungsstrategien entwickeln und lernst Taktiken, wie du Mobbing verhindern kannst. Kostenloser Download unter: www.e-circus.org
Wenn du Opfer bist …
Du kannst nichts dafür!
Es gibt weder eine Rechtfertigung, noch eine Entschuldigung für das Verhalten des Bullies! Deine Lage muss dir nicht peinlich sein.
Erzähle allen von deiner Notlage!
Erzählen ist nicht petzen! Bleib mit deiner Angst nicht allein und mache auf deine Notlage aufmerksam. Nur so kann dir geholfen werden. Erzähle es
- deinen Mitschülern, die nicht mitmischen
- dem Klassenlehrer
- dem Vertrauenslehrer
- dem Religionslehrer
- dem Direktor persönlich
- deinen Eltern
- deiner Schwester, dem Bruder, Tante, Onkel …
Je mehr es wissen, desto mehr Unterstützung bekommst du!
- Bleib ruhig und reagiere gelassen auf Hänseleien!
- Sag’ dem Bully klipp und klar: „Lass mich in Ruhe!“
- Sieh dem Bully fest in die Augen
- Lass’ den Kopf nicht hängen, die Schultern auch nicht. Hey, du bist toll, also: Kopf hoch, Brust raus und demonstriere: Ich habe keine Angst!
- Trainiere vor dem Spiegel dein neues, sicheres Auftreten
- Wehr’ dich, wenn dich deine Freundin oder Clique plötzlich schlecht behandelt.
- Sprich mit den Assistenten unter vier Augen – alleine sind sie nicht so mutig
- Frage ganz konkret, warum er oder sie so gemein zu dir ist.
- Fordere sie auf, sofort mit dem Mobbing aufzuhören.
- Suche dir neue, echte Freunde! In einem Verein, in der Tanzschule …
Das solltest du nicht tun:
- vor dem Bully weinen!
- Weglaufen!
- Schlagen! Auch nicht, wenn der Bully angefangen hat …
- Den Bully auslachen, Sprüche klopfen, über ihn Witze reißen
- ihn beschimpfen
- ignorieren
- dir die Schuld geben! Die anderen machen einen Fehler, nicht du!
- Schule schwänzen! Der Bully ist dich los und hat somit sein Ziel erreicht …
Wenn du Bully bist …
- Du bist nicht davor geschützt, nicht selbst zum Opfer zu werden – andere Klasse/ Clique, anderer Geschmack
- Wie würdest du dich fühlen, wenn man dich ständig fertigmacht? Wenn du keine Freunde mehr hättest und Storys über dich erzählt würden, die erlogen sind? Denk mal darüber nach …
- Behandle deine Mitschüler so, wie du behandelt werden willst!
- Hör’ auf andere zu schikanieren, um deine Stellung in der Clique zu festigen.
- Du musst nicht den „harten Kerl“ oder die coole Lady spielen, um respektiert zu werden
- Wer mobbt, wird von Einigen bewundert, aber von den Wenigsten wirklich gemocht
- Mag dich deine Clique wirklich, dann akzeptiert sie dich auch ohne dass du andere tyrannisierst
- Entschuldige dich bei deinem Opfer und sei zukünftig nett zu ihm
- Sag’ deiner Clique: „Ich hab’ keinen Bock mehr, XY fertigzumachen! Ich hör’ auf damit!“
- Wechsle die Fronten und verteidige XY.
Interview mit Wolfgang Kindler, Lehrer und Konflikttrainer
"Manche Lehrer heulen mit den Wölfen!"
Es gibt Lehrer, die kriegen Mobbing in der Klasse nicht mit. Und es gibt welche, die hinsehen, eingreifen und ihren Schülern helfen. Wolfgang Kindler ist so einer. Seit 15 Jahren befasst er sich mit Gewalt an Schulen und Mobbing, schreibt darüber Bücher. Respect stellte ihm ein paar Fragen …
Eine Umfrage unter Schülern ergab, dass sich viele auch von ihren Lehrern gemobbt fühlen? Wie ist das zu erklären?
Einmal liegt das daran, dass der Begriff Mobbing inflationär verwendet wird – jede Kritik wird als Mobbing definiert. Viele Lehrer reagieren hilflos und schießen oft über das Ziel hinaus. Unsichere Lehrer haben gelernt, dass sie den Beifall der aggressiven Mehrheit finden, wenn sie mit den Wölfen heulen und sich auf Außenseiter einschießen.
Gibt es ein bevorzugtes Mobbingopfer?
Mobbing kann jeden treffen. Besonders Kluge, Sensible, Gebildete. Allerdings gibt es auch typische Opfer, das sind in der Regel Personen mit einem geringen Selbstwertgefühl.
Hört Mobbing von selbst aus, wenn ich die Angriffe ignoriere?
Ignorieren gelingt in der Regel nicht. Wie kann man es ignorieren, wenn beispielsweise die Anderen plötzlich nicht mehr mit mir sprechen!?
Gibt es effektive Methoden, die Mobbing stoppen?
Manchmal hört Mobbing von selbst auf, in der Regel aber nicht, sondern endet durch den Zusammenbruch des Opfers oder durch eine Intervention. Manchmal hilft eine Konfrontation: „Was bringt dir das, wenn du mich mobbst?“ Grundsätzlich sollte sich das Opfer aber Verbündete suchen. Innerhalb der Klasse, die Eltern und Lehrer.
Was kann und muss jeder Einzelne, ob Lehrer, Opfer oder Mitschüler tun, damit Mobbing aufhört?
Mobbing darf nicht mit Hilfe der Methoden des Mobbings bekämpft werden! Aufklärung hilft, dass Mobber nicht starke, sondern schwache Persönlichkeiten sind. Nur der hat es nötig, einen (vermeintlich) Homosexuellen anzugreifen, der mit seiner eigenen Sexualität Probleme hat. Wichtig ist es auch, die Gruppe gegen Mobbing zu gewinnen, in der Mobbing stattfindet. Denn Mobbing ist nur möglich, wenn es zugelassen wird. Hier geht es also um die Entwicklung von kommunikativen Fähigkeiten und um Zivilcourage.
Von Wolfgang Kindler ist u.a. das Buch „Dich machen wir fertig!“ erschienen. Eine aufschlussreiche Geschichte über ein Mädchen, deren Ruf in der Klasse durch Lügen absichtlich zerstört wird. Mit Happy End! Verlag an der Ruhr, 5 Euro
Mobbing-SOS
Du brauchst Hilfe, Informationen, Experten oder willst andere Mobbing-Opfer kennen lernen und dich über deine Erfahrungen mit Mobbing austauschen? Hier gibt es Beratungsstellen, Links und Telefonnummern …
Die Nummer gegen Kummer: 0800 111 0 333
Mo bis Fr 15-19 Uhr hat man hier ein offenes Ohr für dich, berät dich bei Problemen und hilft dir eine Lösung zu finden. Die Nummer ist kostenlos (auch vom Handy aus!) und anonym. Im Netz unter: www.nummergegenkummer.de
Kinder- und Jugendtelefon: 0800 47 86 111
Die 24 Stunden-Hotline ist kostenlos.
Kostenlose, christliche Telefon- und Internetseelsorge
Evangelisch: 0800/ 111 0 111
Katholisch: 0800/ 111 0 222 oder unter www.kummernetz.de.
Mobbingberatung und Hilfe für Opfer, Eltern und Lehrer gibt’s unter:
Tel. 07123/ 38 161, mobil: 0170/ 79 19 326 oder unter www.mobbingberatung.info
Umfangreiche Infos gibt’s auch auf www.kidsmobbing.de.
Unter www.mobbing.seitenstark.de bekommst du nicht nur Tipps gegen Mobbing, sondern hast auch die Möglichkeit deine Geschichte zu erzählen, andere kennen zu lernen und ganz viele Informationen zum Thema zu erhalten.
www.schueler-gegen-mobbing.de ist eine Schüler-Initiative gegen Mobbing und Gewalt in der Schule: Aufklärung über Mobbing, Hilfe und Beratung für Mobbing-Opfer, mit Chat und Forum.
www.schueler-mobbing.de ist die größte Internetseite gegen Mobbing. Hier findest du, deine Eltern und Lehrer jede Menge Tipps zum Thema Mobbing. Mit Mobber-Typologie, Ursachen und Gewaltprävention. Enthält viele Artikel und Web-Links über Mobbing und Gewalt. Außerdem existiert dort ein Forum, in dem sich Schüler über ihre Erfahrung mit Mobbing austauschen können.
www.time4teen.de ist ein Link der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Hier erfährst du u.a., wie du als Opfer und Zeuge von Gewalt reagierst.
Auf www.schulpsychologie.de findest du eine Beratungsstelle speziell für schulische Probleme in deiner Nähe.
Tipps
„Keiner hat was gesehen!“, von Reiner Engelmann, cbt Verlag, 5,95 Euro (Hinweis: Die Texte über Gewalt an der Schule regen zum Nachdenken an – und zum Handeln!)
Einen krassen Film über Mobbing und andere Gewaltsituationen beinhaltet das Medienpaket „Abseits!?“, das es von der Polizei gibt und als Präventionsarbeit für Schulklassen dient. Den Anti-Mobbing-Film kannst du dir unter www.polizei-beratung.de/vorbeugung/jugendkriminalitaet/gewalt_an_schulen/ ansehen.


