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„Grenzen existieren nur im Kopf!“

Mischa Gohlke ist professioneller Musiker, spielt Gitarre in seiner eigenen Band und gibt Musikunterricht für Hörgeschädigte. Dass er an Taubheit grenzend schwerhörig ist? – für ihn kein Hindernisgrund. „Grenzen sind relativ“, sagt er, und hat kurzerhand aus seiner Philosophie ein ganzes Konzept entwickelt. Sein Ziel: Perspektiven jenseits von Ab- und Ausgrenzung schaffen und den Horizont von allen Beteiligten erweitern, egal, ob sie hören können oder nicht.
 
 
Hallo Mischa! Du bist Musiker, obwohl Dein Gehör ziemlich eingeschränkt ist. Bist Du ein Ausnahmetalent?

Mein Gitarrenlehrer, Marcus Deml, hat mal zu mir gesagt: „Zu 90 Prozent sind es Arbeit, Persönlichkeit und die Offenheit für neue Dinge, die uns zu dem machen, was wir sind. Lediglich zehn Prozent sind zugeflogenes Talent.“ Obwohl seine rechte Hand spastisch gelähmt ist, ist er in meinen Augen einer der großartigsten Musiker auf diesem Planeten. Ich denke, dass die meisten Menschen eine falsche Vorstellung von Talent haben. Mit Leidenschaft, Disziplin und Kontinuität kann man fast alles schaffen. Man muss es nur machen, daran glauben und sich auf den Weg begeben.

Der Satz „Es ist spannend, gerade das zu machen, was man auf den ersten Blick scheinbar am wenigsten kann!“ stammt von dir. Liebst du Herausforderungen?
Ich hatte viele frustrierende Momente beim Musik machen, bin immer wieder an Grenzen gestoßen und hatte große Zweifel an meinen Fähigkeiten. Setzt man sich damit auseinander, kann man vieles lernen und sehr reifen, da wir Potentiale entdecken und die Erfahrung machen, dass das scheinbar Unmögliche möglich ist.

Kommt das Wort „unmöglich“ in Deinem Wortschatz vor?
Klar, wenn das scheinbar Unmögliche möglich gemacht werden soll! Natürlich erfahre ich immer wieder, wie begrenzt und konditioniert ich bin. Es bereitet mir jedoch große Freude, Glückseeligkeit und Erfüllung, mich selbst dabei zu ertappen und das Hier und Jetzt zu transformieren!

Du hast Dein Potenzial entfaltet und wächst über dich hinaus. Bist Du besonders ehrgeizig?
Ich bin schon recht willensstark und zielstrebig. Meine Leidenschaft zum Blues hat aus mir einen ganz schön engstirnigen Dickkopf gemacht – ich MUSS einfach Gitarre spielen. Es ist die ganz tiefe Liebe zur Musik, die mich dazu gebracht hat, mich an die Gitarre heranzuwagen und dranzubleiben. Und ich hatte einen Vorteil …

Welchen?
Ich brauchte anfangs meine ganzen schrägen Töne nicht hören. (lacht)

Benutzt Du eigentlich Hörgeräte?
Ja, ohne Hörgeräte höre ich so gut wie gar nichts. Ein lautes Gewitter oder wenn eine tiefe Stimme in mein Ohr schreit, kriege ich vielleicht noch ansatzweise mit. Mit Hörgeräten höre ich je nach Frequenzbereich zirka 60 bis 70 Prozent von der Lautstärke wie „normal“ hörende Menschen. Ich habe zum Glück noch die letzten analogen Hörgeräte auftreiben können. Sie haben einfach mehr Wärme und Seele.

Wie viel hörst Du genau?
Schwer zu verallgemeinern, da die Hörwahrnehmung viele verschiedene Facetten umfasst und sich von Moment zu Moment verändert. Für mich ist das differenzierte Hören eine echte Herausforderung.

Das verstehe ich nicht.
Ich höre Stimmen, Musik und Geräusche oft als Brei, da mir speziell im Mittel- und Hochtonbereich einige Frequenzen fehlen. Somit verstehe ich oft die t-, sch-,s- und z-Laute nicht und muss die Teilfrequenzen, die bei mir ankommen, so kombinieren, dass richtige Worte und Satzzusammenhänge entstehen. Empathie, Intuition und Erfahrungswerte helfen mir dabei. Wir hörgeschädigte Menschen haben ein dauerhaftes und vor allem kostenloses Synapsentraining! (lacht)

Du bietest an der renommierten Rock & Pop Schule Kiel „Musikunterricht für Hörgeschädigte“ an. Was hat Dich dazu motiviert?
Ich hatte nur spärlichen Kontakt zu hörgeschädigten Menschen, bis ich 2008 hörgeschädigten und gehörlosen Jugendlichen in einem Sommercamp Gitarrenunterricht gegeben habe. Viele der Jugendlichen sagten Sätze wie „Ich bin doch hörgeschädigt und kann deswegen keine Musik machen“. Dabei ist gerade für sie die Auseinandersetzung mit einem Instrument ein wunderbares Training für die eigene differenzierte Hörwahrnehmung, deutliches und bewusstes Sprechen sowie der allgemeinen Kommunikation.
Liegt es an den Ängsten, dass hörgeschädigte Jugendliche selten Musik machen oder am mangelnden Angebot?
Beides. Zum einen schaffen sich viele hörgeschädigte Menschen selber Barrieren, indem sie glauben, dass sie wegen ihrer Hörschädigung keine Musik machen können. Zum anderen ist das Angebot in Deutschland spärlich und beschränkt sich allzu oft aufs Trommeln als Integrationsprojekt. Das Bewusstsein, dass auch hörgeschädigte Menschen Musik machen können, ist kaum vorhanden. Die Grenzen existieren nur in den Köpfen!

Du hast das Projekt „Grenzen sind relativ“ ins Leben gerufen, um das zu ändern.
Genau, wir alle haben unsere individuellen Begrenzungen, Perspektiven, Wahrnehmungen, Potentiale und Talente. Es gibt genügend hörende Menschen, die keine zwei Töne unterscheiden können und kein Rhythmusgefühl haben. Verbunden mit einem offenen, direkten und flexiblen Umgang nach innen und außen, können wir uns sowohl als Individuum als auch im Kollektiv weiterentwickeln und nachhaltig an Lebensqualität gewinnen – hörende und hörgeschädigte Menschen zusammen!

Bei Deinem Projekt lernen Hörgeschädigte und hörende Menschen gemeinsam ein Musikinstrument und musizieren zusammen. Was können Hörende von Hörgeschädigten lernen?
Beim Musikmachen werden neben dem Gehör viele verschiedene Kommunikations- und Wahrnehmungskanäle angesprochen: Auge, Körper, Emotion, Intuition, Energie, usw. Hörgeschädigte Menschen können gerade aufgrund ihrer Begrenzung schneller für andere Wahrnehmungsebenen sensibilisiert werden und somit Hörenden auf manchen Ebenen voraus sein. Insbesondere was die nonverbale Kommunikation, das Visuelle und das Kombinieren betrifft.

Du hast mit 15 Jahren angefangen Gitarre zu spielen, nachdem Du Stevie Ray Vaughan gehört hast.
Ja, ich habe damals einen langsamen, tragenden Blues auf einem Sampler gehört und war sofort ergriffen. Die Energie von „Stevie Ray Vaughan & Double Trouble“ hat mich zutiefst berührt. Witzigerweise habe ich bei dem schrillen Gitarrensolo am Ende den Song unterbrochen und auf Neustart gedrückt. Später habe ich ihn oft auf Repeat gehört, stundenlang.
Und dann hast du angefangen zu üben?
Ich habe erst nach meinem Abitur intensiv geübt: Tonleiter, Akkorde, Riffs und Songs – bis zu 12 Stunden am Tag. Meine Nachbarn waren zum Teil ziemlich genervt. Ich hatte sogar einen anonymen Zettel im Briefkasten: „Bis Mitternacht das Gedudel – Sie stören uns, wir nicht Sie“. Das kommt ins Booklet von meiner ersten eigenen CD! (lacht)

Gab es Momente, in denen du aufgeben wollest? Oder denkst du dir dann: Jetzt erst recht!?
Es gab mit Anfang/ Mitte 20 viele Momente, in denen ich aufgeben oder meine Instrumente verkaufen oder kaputtschlagen wollte. Es war schon hart, als zwei Beruffachschulen für Musik mich wegen meiner Hörbeeinträchtigung abgelehnt haben. Zum Glück hatte ich mit Marcus Deml einen wunderbaren Lehrer, der mich immer wieder bestärkt hat.

Was sind Deine Stärken als Musiker?
Früher habe ich beim Gitarrespielen vieles übers Auge und den rationalen Verstand kompensiert. Ich habe nur Tonleiter, Akkorde und Arpeggien und lauter bunte Punkte auf meinem Griffbrett gesehen. Das gab mir Sicherheit. Mit der Zeit konnte ich immer mehr Loslassen und meiner Hörwahrnehmung vertrauen. Auch wenn es vielleicht paradox klingt: Mein Gefühl für Phrasierung, Tonbildung, Energie und Feeling hat sich gerade durch meine Hörbegrenzung stark entwickeln können.

Wenn das Leben von Stevie Ray Vaughan jetzt verfilmt werden würde. Was spricht dafür, dass du die Rolle bekommst und ihn spielst?
Das ist eine wunderbare Frage! Vor Jahren habe ich gelesen, dass eine Verfilmung geplant ist und Johnny Depp die Rolle spielen soll. Aber bis jetzt ist nichts passiert. Ich habe schon oft daran gedacht und warte bis heute auf eine verfilmte Biographie von ihm. Also, wenn Du da einen Kontakt hast, dann her damit!

Mit welchem Gitarristen würdest Du gerne mal zusammen auf der Bühne stehen?
Mein Traum ist es, mit der Rhythmusgruppe von Stevie Ray Vaughan zusammen zu spielen! Ansonsten würde ich auch sehr gerne zusammen mit Eric Clapton, Eric Johnson oder Jimi Vaughan Musik machen. Ach ja, und mit Katie Melua!

Du würdest auch gerne singen. Was hält Dich davon ab?
Puh, gute Frage. Aus Reflex würde ich sagen, dass ich derzeit leider keine Zeit habe zum Üben. Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch recht viele Hemmungen und Ängste, was das Singen betrifft. Ist also ein hervorragender Bereich, worauf ich die „Grenzen sind relativ“-Philosophie anwenden kann. Ich werde gleich morgen in den Proberaum gehen und singen. Vielen Dank für Deinen Impuls!

Gern geschehen. Vielen Danke für das Interview und Deine ehrlichen Antworten.

Mischa Gohlke mit Gitarre

Fotos: Ulrike Schaffer

Weitere Informationen:

Du willst mehr wissen über Mischa Gohlke, seine Band und das Projekt „Grenzen sind relativ“?

Mehr erfährst du unter: www.grenzensindrelativ.de

Bisher ein Kommentar

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rmtk (Gast) am 04.04.12, 14:07 Uhr

Respekt für diesen Künstler! Mit so einem Handicap trotzdem so Gitarre zu spielen, als wäre es das Leichteste der Welt, ist einfach bewundernswert!

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