Von einer die auszog, die Stille zu suchen
Text, Interviews und Fotos: Anja Schimanke
Ein Kloster hat was, etwas sehr Beruhigendes! Kein Stress! Keine Hektik! Nur ganz viel Stille … stopp. Bevor du weiter liest, solltest du dein Handy ausschalten … den iPod bitte auch … genauso Radio, Fernseher und alles andere, was Geräusche macht und ablenkt. Am besten, du druckst dir sogar diesen Text aus und fährst den PC runter. Denn genau darum geht es … um Stille. Totales Abschalten. Und sich Zeit nehmen. Völlig in Ruhe …
Denn das ist leichter gesagt als getan. Wie lange kannst du einfach nur dasitzen – ohne aufs Handydisplay zu schielen? Oder an deine Lieblingssoap zu denken, die gleich im Fernsehen läuft? Wetten, dass du es kaum aushältst und schnell nervös wirst? Keine Sorge: Du bist nicht der Einzige! Die meisten gehen mit ihrem Handy besser um, als mit sich selbst, denn die eigenen Akkus werden nicht so regelmäßig aufgeladen, wenn überhaupt. Dazu fehlt uns die nötige Zeit – und die Ruhe. Es sei denn, wir gehen ins Kloster. Nicht als Mönch oder Nonne, sondern als Gast. Das geht. Kloster auf Zeit nennt man das. Ort der Stille. Oase. Auszeit oder einfach nur Klosterurlaub. Statt Ballermann und Last Minute heißt es hier: Urlaub vom Stress, Stille inklusive. Manchen reicht bereits ein Wochenende, einige bleiben länger, um Leib und Seele wieder in Einklang zu bringen. Oder in Ruhe nachdenken zu können: Über sich. Die Beziehung. Probleme. Die Vergangenheit. Zukunftspläne. Nur die wenigsten kommen, um über Gott und die Welt zu sprechen und zu beten. Ich wollte es genau wissen und war zwei Tage zu Gast in einem Kloster.
Das Klosterportal
Eins vorweg: Ich bin nicht katholisch! Mit Kirche im Allgemeinen und Klöstern im Besonderen habe ich also nicht so viel zu tun. Prachtvolle Exemplare wie den Kölner Dom oder Berühmtheiten wie Notre Dame in Paris, die man einfach gesehen haben muss, habe ich als Touristin von außen fotografiert und von innen ehrfürchtig besichtigt. Bei den meisten Klöstern geht das allerdings nicht so einfach. Die dicken Klostermauern schützen vor Blicken – und machen erst recht neugierig. Dahinter verbirgt sich eines der letzten Geheimnisse unserer Zeit, das sich aus jahrhunderte alter Mystik nährt.
Kloster kommt vom lat. claustrum, was „verschlossener Ort“ bedeutet. „Verschlossen“ bezieht sich allerdings nur auf einen Teil, nämlich die Klausur, die den Ordensmitgliedern als Rückzugsort und zur Besinnung dient. Das ganze Kloster zu "verschließen" wäre übrigens auch nicht im Sinne des Erfinders: Benedikt von Nursia legte großen Wert auf Gastfreundschaft. Im Jahre 529 hat er auf dem Monte Cassino, einem Berg zwischen Rom und Neapel, das erste Kloster des Abendlandes errichtet, wo er seine berühmten Regeln schrieb, die als Grundlage des Mönchtums im Mittelalter gelten. Eine davon lautet: „Alle Gäste, die zum Kloster kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden.“ Im Mittelalter war es selbstverständlich, dass Pilger, Kranke, der arme Bauer und das gekrönte Haupt als Gast in ein Kloster zu gehen. Damit war im 15. Jahrhundert Schluss. Zumindest in Deutschland. Erst Anfang der 1960er Jahre besinnt sich ein Benediktinerkloster auf die Tradition und öffnet die Pforten für Menschen, die auf der Suche sind. Nach Stille. Sinn des Lebens. Antworten. Gott. Mittlerweile kann man sich in über 300 Klöster in Deutschland eine Auszeit gönnen. Ein Urlaub, der etwas anderen Art.
Kloster Steinfeld
Allein unter Nonnen!
Du hast schon mal nach einem Urlaub gesucht und wärst fast verzweifelt? Eine Erfindung namens Holidaycheck macht die Suche einfacher, weil es Kriterien wie Strandnah, Sportangebot und Meerblick zum Anklicken gibt und ein passendes Angebot ausgespuckt wird. Klostercheck.de gibt es nicht. Leider. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Klosterangebote: Nur für Männer, für Frauen oder offen für beide? Speziell für Jugendliche und junge Menschen? Wünschst du eine persönliche Begleitung, geistliche Gespräche, ein Programm? Mitbeten oder lieber nicht? Brauchst du eine behindertengerechte Ausstattung? In der Stadt, auf dem Land, in deiner Nähe? Willst du mitarbeiten oder einfach nur deine Ruhe?
Ich rufe bei der Benediktinerinnen-Abtei Maria Heimsuchung in Steinfeld an. Eine Schwester Gertrudis meldet sich und ich habe Glück. Sie hätte noch ein Platz für mich frei. „Wann willst du denn kommen?“, fragt sie mich. „So früh wie möglich, damit ich noch was vom Tag habe“, antworte ich schnell, zu schnell, denn daraufhin fragt sie: „Und was ist früh?“ Was ist früh, wenn man wie sie um 5 Uhr zum Beten aufsteht?
Morgen ist es soweit...
Was nehme ich mit? Was ziehe ich bloß an? Ich will ja in meinem Urlaubsort nicht unangenehm auffallen oder mein gar die Sitten verletzen. Minirock und dekolletiertes Oberteil scheiden aus. Schminke? Muss. Uhr, Handy und MP3-Player lasse ich hier – mit gemischten Gefühlen. Solange waren mein Handy und ich noch nie getrennt.
Gästehaus der Benediktinerinnen
Ich mache Klosterurlaub
8:00 Uhr Ich sitze im Zug, der mich zu den Benediktinerinnen nach Steinfeld fährt, ca. 60 Kilometer von Köln entfernt. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ich sitze in einer Zeitmaschine, die mich in eine andere Welt, in eine andere Zeit bringt!
9:30 Uhr Ich stehe vor einem alten Kloster und bestaune das schmuckvolle Portal, die dicken Mauern und die Heiligenfiguren. So muss es vor 700 Jahren gewesen sein, denke ich und lese: Salvatorianerkloster. Hä, da bin ich wohl falsch. Die Abtei, in der ich zu Gast bin, ist nebenan – und lange nicht so impulsant. Schwester Gertrudis öffnet mir die Tür. Sie trägt eine schwarz-weiße Nonnentracht und eine altmodische Brille hinter der mich freundliche Augen anblinzeln. Sie begrüßt mich sehr herzlich und vor lauter Aufregung spreche ich sie mit Frau Gertrudis an statt mit Schwester. Wie peinlich. Sie führt mich durchs Haus, zeigt mir den Gästebereich, mein Zimmer und lässt mich buchstäblich in Ruhe. Viel zu sehen, gibt’s nicht: Ein Bett, ein Bild, ein Stuhl mit Tisch auf dem frische Blumen stehen. Radio und Fernseher? Natürlich nicht.
10:30 Uhr Die Uhren ticken hier anders. Wie ist das möglich – den Wecker habe ich mir doch selbst mitgebracht?
10:33 Uhr Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir langweilig ist! Hätte ich mein Handy dabei, würde ich ein meinen Mädels eine SMS schicken … und auf ihre Antworten warten. Aber so? Sitze ich, sehe aus dem Fenster und lausche. Nichts.
10:36 Uhr Immer noch nichts. Stille. Ich habe nichts anderes erwartet. Ich muss mich wie in jedem anderen Urlaub auch, einfach akklimatisieren. Im Süden ist Sonne, und hier ist halt überall Stille. Nur nicht nervös werden.
10:50 Uhr Ich öffne leise meine Zimmertüre und gucke auf den Gang. Nichts. Weit und breit niemand zu sehen oder zu hören. Ob Nonnen schweben können?
10:51 Uhr Ich lese die Broschüre über die Abtei …
10:55 Uhr … fertig!
11:00 Uhr Ich blättere in den Büchern über den heiligen Benedikt, die mir Schwester Gertrudis ans Herz gelegt hat und lese, dass das Benediktiner-Kloster auf dem Monto Cassino jedes Jahr 1,5 Millionen Pilger besuchen …
11:05 Uhr Ich habe Besuch bekommen – von einer Fliege. Sie brummt am Fenster irgendwas vor sich hin, was ich nicht verstehe. Leider. Ein bisschen Small Talk wäre mir recht, auch mit einer Fliege. Dafür müsste es auf Klostercheck.de ein Kästchen geben: Gespräche mit Tieren – ja/ nein.
12:00 Uhr Die Kirchenglocke reißt mich aus meinen Gedanken und holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Wo immer das sein mag. Weil ich Hunger auf Geräusche habe, verlasse ich mein „stilles Örtchen“ und gehe in die Kirche. Die Mittagshore um 12:15 Uhr steht an. Das Leben des Benediktiner-Ordens besteht aus „ora et labora“ – beten und arbeiten. Sechsmal täglich beten sie, das erste Mal um kurz nach 5 Uhr in der Früh. Ich bin nicht die einzige in der kleinen, schlichten Kirche. Außer mir und den Nonnen, sind noch fünf Frauen, alle älter als ich, anwesend. Die Nonnen beginnen zu singen – 15 Minuten lang lobpreisen sie ihren Herrn, beten und zelebrieren gregorianischen Gesang. Im Urlaub macht man Dinge, die man zu Hause nicht macht. Ich muss nicht alles verstehen und gut finden, ich verbuche das als Erfahrung.
Kurz vor 13:00 Uhr Mittagessen – die Nonnen essen nicht mit uns. Die Frauen aus der Kirche sind Gäste wie ich und sind im Gegensatz zu mir, nicht sehr gesprächig. Geräuschearm löffelt jeder seine Suppe. Gut, dass es keine Buchstabensuppe ist, sonst hätte ich wohlmöglich laut zu rezitieren angefangen. Nach dem Essen wünschen sich alle eine angenehme Ruhe.
13:30 - 15:00 Uhr Mittagsruhe. Zuhause würde ich jetzt meine e-mails checken, mit Freunden chatten oder mit einem am Telefon quatschen. Und hier? Die Ruhe macht mich ganz schläfrig – ich gehe ins Bett, Zeit totschlagen.
15:01 Uhr Mein Wecker klingelt. Und ich bin so müde, dass ich am liebsten liegen bleiben möchte. Wann habe ich das letzte Mal einen Mittagsschlaf gemacht? Keine Ahnung, muss lange her sein.
15:05 Uhr Es gibt Kaffee und Kuchen und endlich ein paar Gespräche. Ich erfahre, dass es normal ist, so müde zu sein. „Wenn man sich eine Auszeit nimmt“, erklärt mir eine der Frauen, die schön öfter hier war, „dann zeigt sich die Last des Alltags, die man mit sich herumträgt. Und hier lässt man sie los …“.
15:15 Uhr Ich gehe spazieren. Ohne bestimmtes Ziel und zugegebenermaßen auch etwas orientierungslos. Ich bin mit mir allein und führe Selbstgespräche. Na, super, ausgeruht, aber verrückt, oder wie? Wäre ich eine Comicfigur, würde die ganze Zeit eine Gedankenblase über meinem Kopf schweben. Seltsam, je weiter ich gehe, desto mehr habe ich das Gefühl, mir selbst ein Stück entgegenzugehen. Ich verlaufe mich in meinen eigenen Gedanken und stolpere über Probleme, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Zu manchen komme ich auf Umwegen, manche sind auf direktem Weg, sehr zielstrebig bei mir. Okay, wenn ich schon mal hier seid, dann denke ich eben mal nach …
17:00 Uhr Zurück in meinem Zimmer. Es ist still. Sehr still. Erschreckend, beängstigend still. Totenstill. Nicht nur im Kloster. Sondern auch in mir. Ich liege auf dem Bett und habe Ruhe. Meine Gedanken geben keinen Laut von sich, meine Probleme sind besänftigt. So anstrengend habe ich mir Still-Sein nicht vorgestellt. Aber es ist gut, denn nur so kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren – auf sich selbst! Erst, als alles Still war, meldete sich meine innere Stimme zu Wort – und ich habe sie endlich wieder gehört!
20:00 Uhr Mir geht die Stille gehörig auf die Nerven. Sie ist aufdringlich und provokant. Ich finde, dass ich für heute wirklich genug nachgedacht habe, oder?
20:01 Uhr Ich mache einfach mal nichts.
20:02 Uhr Kann man von Langeweile eigentlich sterben?
20:03 Uhr Ich hab’s versucht, ehrlich. Es klappt nur nicht. Ständig muss ich nachdenken.
20:05 Uhr Müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meinen Liebesroman weiterlese?
20:06 Uhr Okay, letzte Chance fürs Nichtstun.
20:10 Uhr Nee, echt nicht, nichts zu machen. Für heute ist genug – ich schnappe mir meinen Roman.
22:00 Uhr Ja, ich mache wirklich schon das Licht aus!
Kloster von A bis Z
Wichtige Begriffe und was sie bedeuten
Abt bzw. Äbtissin (griech. Abbas = Vater) Vorsteher/in der Klostergemeinschaft, der als geistlicher Vater gesehen wird und dem gehorcht werden muss.
Abtei Ein selbstständiges Kloster, das von einem Abt (Äbtissin) geleitet wird und eigenständig wirtschaftet
Barmherzige Brüder/ Schwestern Kümmern sich vor allem um die Kranken, Alten und Behinderten.
Benediktiner/innen Der älteste Mönchsorden betet und arbeitet
Brevier Gemeinsames Stundengebet im Kloster
Brüder auch frater genannt. Das sind die nichtpriesterlichen Mönche
Cellerar nennt man den Klosterverwalter
Choral Ein- oder mehrstimmiger Gesang des Stundengebets oder der Messtexte der Mönche.
Dominikaner/innen Stark im Heil- und Kureinrichtungen mit Kneipp-Anwendungen
Dormitorium Schlafraum bzw. Schlaftrakt der Mönche
Exerzitien eine Abkürzung für exercitia spiritualia, was geistliche Übung bedeutet. Beten. Gott suchen und finden mit Methode.
Franziskaner/innen Bettelorden nach Franz von Assisi, die heute zahlenmäßig die meisten Klöster haben
Gelübde Versprechen an Gott (zeitlich oder lebenslänglich)
Habit Ordensgewand der Mönche
Jesuiten gelten als intellektueller Orden mit Schwerpunkt Studentenseelsorge
Kapuziner Erster Orden des Franz von Assisi
Karmeliten Kontemplativer Orden – beschuht und unbeschuht
Kartäuser Streng kontemplativer Orden, der sich zur Stille und zum Schweigen verpflichtet hat
Klausur Hier dürfen nur Mönche und Nonnen rein!
Kontemplativ Orden, die bewusst in der Abgeschiedenheit leben, in Stille und Einsamkeit. Gebet, Meditation und Arbeit wird großgeschrieben. Häufige Gebetszeiten.
Konvent Bezeichnung eines kleinen Klosters
Komplet Nachtgebet zum Abschluss des Tages
Laudes Morgenlob dient vor allem dem Gedächtnis der Auferstehung Jesu Christi
Matutin Nacht- oder frühes Morgengebet
Mittagshore Mittagsgebet
Mönch (griech. von monos = allein) allein lebender Einsiedler, Eremit. Mönch sagt man nur zu Brüdern folgender Orden: Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten, Karmeliten, Kartäuser.
Nonne Alle Nonnen sind Ordensschwestern, aber nicht alle Ordensschwestern sind Nonnen! Als Nonne bezeichnet man Schwestern der Orden s. Mönch.
Noviziat Klosterleben auf Probe
Patres Mönche mit Priesterweihe
Postulat Probezeit auf die das Noviziat folgt
Prior Der Stellvertreter des Abts
Refektorium Der Speisesaal des Klosters! Psst, beim Essen wird nicht geredet!
Salesianer Moderner Orden mit Schwerpunkt Jugendarbeit
Silentium Stille auf Kommando!
Ursulinen Orden mit Schwerpunkt Mädchen
Vesper Abendlob
Vigil heißt das Nachtgebet zwischen 2 und 3 Uhr
Zisterzienser Zweig der Benediktiner ebenfalls mit kontemplativer Lebensweise
2. Tag
8:00 Uhr Kein Türenknallen. Keine Klospülung. Kein Gezeter im Bad – ob ich tot bin? Nein, mein Magen knurrt … jippie, ein Geräusch! Ich freue mich aufs Frühstück, nicht so sehr aufs Essen an sich, sondern auf die Menschen, eine Unterhaltung, einfach reden. Dabei bin ich zu Hause diejenige, die morgens nicht gerne spricht …
8:30 Uhr Ich sage fröhlich „Guten Morgen“. Alle nicken. Die Frau an meinem Tisch, frage ich „Na, haben Sie gut geschlafen?“ Nicken. „Waren Sie heute früh schon bei der Frühmesse?“ möchte ich wissen. Kopfschütteln. Da bemerke ich, dass eine Kerze und ein Blumenkranz ihren Platz zieren. „Oh, haben Sie Geburtstag?“ Da beugt sie sich vor und flüstert: „Morgens wird geschwiegen!“ Ups, warum sagt mir das denn keiner? Nach dem Frühstück gibt’s für mich kein halten mehr – ich muss reden! Und etwas anderes hören, als meine innere Stimme. Außerdem habe ich viele Fragen. Um halb 11 habe ich einen Termin bei Schwester Edith, die hier Schulklassen, Firm- und Kommunionsgruppen und Abiturienten betreut.
9:30 Uhr Ich bin in meinem Zimmer und genieße die Stille. Ja, richtig gelesen! Ich kann sie zulassen und merke, dass sie mir gut tut. Ich bin ganz ruhig – und lächle (sieht mich ja keiner). Längst ist nicht mehr alles laut in mir, sondern sehr entspannt.
10:30 Uhr Schwester Edith nimmt sich Zeit für mich. Sie schätzt es, wenn Gäste sich öffnen und ihr, wie sie sagt, Bereiche eröffnen, die ihr als Nonne, die sie seit 20 Jahren ist, sonst verschlossen blieben. Es sei ein Vertrauensbeweis. Welche Tipps gibt sie Menschen, die zu ihr kommen und Hilfe brauchen? „Begleitung heißt nicht Tipps zu geben“, erklärt sie. „Meine Aufgabe besteht im Zuhören, Nachfragen, einen Impuls geben und die Last Mitzutragen – und vor Gott vorzutragen.“ Ich erzähle ihr meine Erfahrung mit der Stille im Kloster. „Stille ist nicht das Ziel“, versucht sie mir zu erklären, „Stille schafft Raum für Gott!“
12:00 Uhr In vier Stunden fahre ich zurück in meine Welt, die laut und unruhig ist. Egal. Ich bin hinter ein kleines Geheimnis gekommen, was die Klöster von Generation zu Generation weitergegeben und sich bewahrt haben: Stille, ein Heilmittel gegen Stress. Eine altmodische, aber hochwirksame Lösung, die nicht sofort wirkt, sondern erst nach und nach und auch nicht bei jedem gleich stark und intensiv. Die richtige Dosierung muss jeder für sich selbst herausfinden.
16:05 Uhr Auf dem Weg zum Bahnhof habe ich das perfekte Klosterurlaubssouvenir gefunden: Oropax – für die kleine Auszeit zwischendurch!
Meine Zelle
Interview mit einem Mönch
Frank Beha hatte mit Gott nicht viel am Hut. Er machte eine Lehre zum Elektriker, ging zur Bundeswehr und kämpfte als Soldat in Mazedonien und Afghanistan. Heute lebt er als Bruder Longinus in der Benediktiner-Erzabtei Beuron. respect.de gab er ein paar zackige Antworten über frühes Aufstehen, Sexualität und mehr.Schweigen wird ihm vermutlich nicht besonders schwer fallen.
Wann bist du heute aufgestanden?
Um 4.45 Uhr
Hilfe, fällt dir das nicht schwer?
Nein, es ist alles Gewohnheitssache und ich gehe ja auch um 20 Uhr ins Bett.
Was macht ein Mönch eigentlich so den ganzen Tag?
Wenn ich nicht bete, arbeite ich hier im Kloster als Betriebselektriker.
Und wie oft betest du am Tag?
Es gibt sechs gemeinsame Gebetszeiten Morgenhore, Terz, Hochamt mit Messe, Mittagshore, Vesper und Komplet, dazu kommt das persönliche Gebet.
Verstehst du die Lieder und Gebete in Latein und kannst es sprechen? Teilweise, ich lerne gerade Latein.
Warst du schon immer ein gläubiger Mensch, der jeden Sonntag als Messdiener in der Kirche war?
Nein, als Jugendlicher konnte ich mit Kirche nichts anfangen, erst während meiner Militärzeit fand ich wieder zum Glauben.
Du warst als Soldat auf einem beschwerlichen Übungsmarsch, als dir die Idee kam, Mönch zu werden. Wie war das genau?
Dort hatte ich nicht die Idee, sondern es war der letzte Punkt meiner Entscheidungsfindung. Weiteres möchte ich hier nicht erläutern, damit das Buch noch spannend bleibt.
War es am Anfang nur ein Gedanke oder schon so eine Art Pakt zwischen dir und Gott?
Es war einfach ein Versprechen.
Welche Stationen hast du durchlaufen müssen, um Mönch zu werden?
Gast im Kloster, Postulat (½ Jahr), Noviziat (1 Jahr), Trienium (3 Jahre).
Früher hießest du Frank. Wie nennen dich deine Eltern und alte Freunde?
Unterschiedlich. Manche sagen immer noch Frank, manche Longinus
Wie lange hat es gedauert bis du auf deinen neuen Namen gehört hast?
Nicht lange, er gefällt mir und ich habe mich gleich darauf eingestellt.
Welchen Vorteil hat die Namensänderung?
Vorteil hat es keinen. Es ist ein Symbol, dass man damit ein neues Leben beginnt.
Longinus ist ein ungewöhnlicher Name. Dürfen sich Mönche ihren Namen selbst aussuchen?
Nein. Man darf zwar drei Vorschläge machen, aber letztlich entscheidet der Abt.
Hast du ein Mitspracherecht?
In Bezug auf die Namensgebung nicht, aber bei Entscheidungen, die die ganze Gemeinschaft betreffen, berät sich der Abt mit den Brüdern.
Bruder Longinus
Warum tragen Mönche eine Ordenstracht?
Um nach außen sichtbar zu zeigen, dass man zu einer Gemeinschaft gehört. Und der Habit ist die traditionelle Kleidung der Landbevölkerung.
Ist das nicht seltsam statt Jeans plötzlich so ein langes Gewand anzuhaben?
Anfangs schon, aber man gewöhnt sich daran und er ist furchtbar praktisch.
Du hast als Soldat eine Uniform getragen. Kann man das miteinander vergleichen?
Ich finde schon. Aus obigen Grund.
Siezen oder duzen sich die Brüder eigentlich untereinander?
Normalerweis sprechen wir uns mit sie und Vornamen an, aber wenn man sich gut versteht wechselt man auch zum Du.
Hast du einen besten Freund? Und lebt der im Kloster oder kennst du ihn noch von früher?
Ich war nie der Typ für enge Freundschaften, ich verstehe mich zwar sehr gut mit den meisten Mitbrüdern, aber die Verbindung ist eher locker.
Als du noch Frank Beha warst, hast du an den Wochenenden gefeiert und auch mal Bier getrunken. Wie sieht dein Wochenende heute aus?
Samstag ist ein normaler Werktag, Sonntag ist geprägt vom Gebet.
Als Benediktiner-Mönch darfst du keinen Besitz haben. Fiel es dir nicht schwer, dich von deinen CDs, der Anlage, Erinnerungen zu trennen?
Nein.
Warum darfst du eigentlich ein Handy haben?
Weil ich als Handwerker viel im Kloster unterwegs bin und man nie genau weiß, wo ich bin. Falls es ein Elektroproblem gibt, soll man mich erreichen können.
Gibt es etwas, das du aus deinem alten Leben vermisst, vielleicht auch nur ein klitzekleines bisschen?
Die Freiheit einfach mal so irgendwohin zu fahren …
Nie wieder Sex – für manche ist allein der Gedanke unvorstellbar. Für dich ist er jetzt Realität – mit 29 …
Ja, und … ?!
Ganz ehrlich: Wie lange hast du gebraucht, um dich an diesen Gedanken zu gewöhnen?
Nicht lange. Was man nie hatte, kann man nicht vermissen …
Kann man Lust wegbeten?
Ja, man legt die Energien einfach auf ein anderes Gebiet um.
Welche drei Dinge hast du im Klosterleben besonders schätzen gelernt?
Die Zeit für sich!
Was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben früher und im Kloster?
Weniger Stress!
Nicht so kurz angebunden und richtig unterhaltsam, schildert Bruder Longinus seinen außergewöhnlichen Lebensweg – von der Kindheit über Soldat sein bis zum Klosterleben.
„Ab morgen Mönch – Ein Afghanistansoldat geht ins Kloster“, Pattloch Verlag, 16,95 Euro
Vor seinem Eintritt ins Kloster war Bruder Longinus als Soldat in Afganistan
Interview mit Magdalena (25)
Seit ihrem 12. Lebensjahr setzt sich Magdalena, die zurzeit MTA in einem Labor ist, mit dem Thema Berufung auseinander und beschnuppert seitdem das Leben in einem Orden. Nach mehreren „Kloster auf Zeit“-Aufenthalten in verschiedenen Orden, einem freiwilligen sozialen Jahr in Sibirien bei Ordensschwestern, bei denen sie mitleben durfte, besucht sie seit über einem Jahr das Bonner Konvent der Olper Franziskanerinnen – und überlegt in diesen Orden einzutreten und Schwester zu werden. Mit respect.de sprach sie über ihre Klostererfahrungen, Kinder kriegen, Vorurteile und Opfer bringen.
Hallo Magdalena, dein Name bedeutet Jüngerin Jesu. Hast du das als Aufforderung verstanden?
Ich mag meine Namenspatronin sehr! Sie lässt sich ganz und gar auf Jesu Botschaft ein, sie ist schon ein großes Vorbild für mich.
Warst du schon immer ein religiöser Mensch, der gerne in die Kirche gegangen ist und gebetet hat?
Erst mit neun Jahren, als ich anfing zu ministrieren, wurde es meine große Leidenschaft. Zeitgleich hatten wir relativ häufig Ordensschwestern bei uns zu Besuch, die ich dann wiederum zu Ferienfreizeiten oder einfach so besuchte. Dadurch habe ich das Klosterleben mit der Zeit immer mehr als mögliche Lebensform kennen gelernt.
Wann ist dir der Gedanke gekommen, vielleicht ganz in ein Kloster einzutreten?
Der Wunsch ist mit der Zeit in mir gewachsen. Während meiner zahlreichen Besuche in den verschiedenen Orden, habe ich jede Gelegenheit genutzt und die Schwestern über ihr Leben und Spiritualität ausgefragt – ich bin dann zu der Erkenntnis gekommen, dass meine Richtung die franziskanische ist.
Welche Erfahrungen hast du im Klosterleben schätzen gelernt?
Eine große Freiheit, sowohl in meinem Glauben als auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen und in der Lebensgestaltung, trotz und wahrscheinlich gerade wegen eines geregelten Tagesablaufes.
Ist es das, was dich ins Kloster zieht?
Das hört sich jetzt altbacken an, aber: Ich möchte meinen Glauben und mein Leben vollständig entfalten, darin wachsen und teilen, das Leben total erkennen und genießen. Genug der Predigt, es lässt sich schwer beschreiben.
Was hält dich zurzeit noch zurück?
Ich zögere noch, weil ich mich beruflich erweitern will, d.h. studieren. Ein Studium kostet viel Geld, das der Orden für mich ausgeben würde. Ich möchte mich jedoch in Freiheit und ohne Druck für ein Ordensleben entscheiden …
Magdalena
Du besuchst täglich ein Konvent der Olper Franziskanerinnen. Was bedeuten dir diese Begegnungen?
Sehr viel. Nicht nur wegen der Gemeinschaft im Glauben und im Gebet, sondern auch ganz menschlich, weil wir über Themen sprechen, mit denen einige Freunde und Kollegen nichts anfangen können. Mir tut es einfach gut einen spirituellen Ankerpunkt zu haben, weil ich in einer neuen Stadt und somit in „Fernbeziehung“ zu einem Kloster und der Familie lebe. Dazu kommt der Schichtdienst. Da hilft es mir sehr, wenn ich mich den Schwestern anschließe und „feste Zeitpunkte“ für Gott habe.
Ist es dir wichtig, dass der Orden sozial-caritativ und nicht kontemplativ eingestellt ist?
Sehr, es entspricht meinem Lebensstil - ich arbeite sehr gerne mit Menschen. Darum engagiere ich mich seit meinem 13ten Lebensjahr ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen wie Katastrophenschutz, Kinder- und Jugendarbeit, FSJ und Seniorenarbeit.
Hast du nie davon geträumt, zu heiraten und Kinder zu kriegen?
Seitdem ich mit 12 Jahren diese „Klostergedanken“ habe, war das nicht mehr im Vordergrund. Klar macht man sich Gedanken darüber, gerade wenn ich sehe, wie meine Geschwister in ihren Familien glücklich sind. Dann merke ich, dass es ein großes Opfer ist, aber ich glaube, dass es sich lohnt.
Würdest du Lust und Sexualität nicht vermissen?
Klar, ich bin doch auch aus Fleisch und Blut. Aber es kommt doch darauf an, wie man seine Lust kontrolliert und wie aus Energie Erfüllung wird.
Es gibt Menschen, die denken, man geht ins Kloster, weil man vom Leben enttäuscht ist und/ oder keinen Mann abbekommt. Was sagst du denen?
Ich rate ihnen „Kloster auf Zeit“ zu machen und einige Ordensleute kennen zu lernen. Da gibt es ehemalige Manager, hochgradig erfolgreiche Naturwissenschaftler und viele andere, die ganz bodenständig im Leben standen und stehen und sich dann für ein Klosterleben berufen fühlten. Wer diesen Lebensweg als Lebensflüchtling betritt, der muss sich wahrscheinlich schon bald den nackten Tatsachen stellen – es ist nicht einfach, mit so vielen Frauen/ Männern an einem Ort zu leben.
Was sagen deine Eltern eigentlich dazu?
Bei meinen Eltern ist das zweigeteilt: Meine sehr religiöse Mutter unterstützt meine Entscheidung – mein Vater, der nichts mit Kirche und Glaube zu tun hat, ist natürlich nicht so glücklich darüber und wünscht sich von mir Enkelkinder. Inzwischen sieht es so aus, als würde er sich mit meiner Entscheidung abfinden.
Und deine Freunde?
Da ist es unterschiedlich. Wenn man wie ich, auf der Suche ist, dann hält man sich ja auch in entsprechenden Kreisen auf und nimmt Angebote wahr zum Beispiel von der Diözese und lernt dort Leute kennen, die sich mit Ordenseintritt und so auseinandersetzen. Bei den anderen überwiegt eher die Neugier, bei manchen auch die Vorurteile: Was ich denn in einem Kloster wolle, ich wäre doch viel zu fröhlich und ideenreich dafür!? Aber dazu kann ich nur sagen: ich lache viel, aber so richtig viel und herzlich wie im Kloster, lacht man selten.
Vielen Dank für das Gespräch und deine ehrlichen Antworten!
Klosterkirche


