Ein wunderschönes Leben - Interview mit Raffaela Wais
Text: Klaas Tigchelaar
Foto: JD Artist Management
Die Arbeitsabläufe von Fernseh-Castingshows und die Nachbetreuung für die dort auftretenden jungen Musiktalente bleiben weiterhin unbeleuchtete und verschwiegene Flecken in der Medienlandschaft. Wie wichtig die frisch gekürten neuen Stars den Machern dieser Sendungen tatsächlich nach dem Finale sind, wie die weitere berufliche Betreuung funktioniert, darüber redet man eigentlich nicht. Für die 23-jährige Raffaela Wais aus Berlin, Zweitplatzierte bei der Castingshow „X-Factor“ im Jahr 2011, scheint mit dem zweiten Platz oberflächlich betrachtet trotzdem ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen zu sein. Auch wenn ihr Tourplan mehrheitlich Auftritte bei Stadtfesten und Familien-Events von Supermarktketten aufweist, macht sie mehr als einmal deutlich, dass sie mit ihrem derzeitigen Leben beinahe kritiklos glücklich ist. Ihr Manager, der während des Telefoninterviews aufmerksam neben ihr sitzt, achtet jedoch penibel darauf, dass sie immer die richtige Antwort gibt und geht auch schon Mal verbal dazwischen, wenn eine Frage nicht in das Konzept passt.
Welches Adjektiv würdest du wählen, wenn du dein derzeitiges Leben mit dem von 2010 vergleichst: „Stressig“ oder „Wunderschön“?
Wunderschön! 2010 war ja noch alles ziemlich ruhig bei mir, ich bin zur Uni gegangen und habe Hausarbeiten geschrieben, eben alles was dazugehört. Das hat sich jetzt natürlich geändert, ich bin sehr viel unterwegs und kaum zuhause. Aber es ist trotzdem ein unglaublich schönes Leben momentan.
Hat dein Tagesablauf überhaupt noch irgendwelche Regelmäßigkeiten?
Nicht wirklich. Nur wenn ich in Berlin bin, ist für mich klar, dass ich jeden morgen Sport mache. Ansonsten sind die Tage aber immer ziemlich verrückt und immer sehr verschieden.
Du hast ja schon vor deiner Teilnahme bei der Casting-Show „X-Factor“ Musik gemacht. Wie hat das alles bei dir angefangen?
Gesungen habe ich schon mit acht Jahren, und mit zehn stand ich das erste Mal auf einer großen Bühne. Das war bei einer russischen Playback-Show in Berlin, so ähnlich wie die Mini-Playback-Show, und obwohl das natürlich nicht so groß war wurde es im lokalen Fernsehen ausgestrahlt. Ich glaube, da habe ich gemerkt, dass ich ein Leben lang auf der Bühne stehen möchte.
Wie ging es denn danach auf der Bühne weiter?
Ich habe in der Schule musikalisch alles mitgenommen was es gab, und ich war auch in Schulbands. Da habe ich nicht immer die Leadstimme gesungen, sondern war auch schon Mal Chor-Stimme, oder habe dazu Klavier gespielt. Ich hatte zwar immer den Traum, groß raus zu kommen, aber das schien mir so weit weg. Und außerdem gibt es tausende andere Talente da draußen, die das auch wollen, dachte ich, weswegen ich in dieser Richtung eigentlich keine Chance gesehen habe. Deswegen habe ich dann auch mein BWL-Studium angefangen und war auch ganz zufrieden damit. Was mir auch während der Sendungen von X-Factor geholfen hat, zu wissen, dass ich den anderen Weg schon eingeschlagen hatte. Ich bin glücklich, dass ich mich das getraut habe.
Du hast vorher keine richtige Bühnenerfahrung als Sängerin oder Musikerin sammeln können?
Nein, gar nicht. Vielleicht mal auf Geburtstagen oder so, aber natürlich nicht professionell.
Was hat dich dazu getrieben bei „X-Factor“ mitzumachen, gab es dabei nach deiner damaligen Meinung Ziele, die du ohne die Teilnahme nicht hättest erreichen können?
Naja, eigentlich war für mich vorher klar, dass ich bei einer Castingshow nicht mitmachen möchte. Einfach aus dem Grund, weil ich mich nicht getraut habe. Weil da eben so viele Leute sind, die singen können und ich mich immer gefragt habe, warum die Jury wohl ausgerechnet mich nehmen sollte. Letztlich waren es Freunde und auch die Familie, die mich da reingezwungen haben (lacht). Ich habe mich nämlich gar nicht selbst angemeldet, sondern wurde von denen angemeldet. Und erst als die Anfangsrunde vorbei war, wurde in mir sozusagen das Tier geweckt.
Was hat dir „X-Factor“ gebracht, welche von deinen Vorstellungen und Wünschen haben sich bewahrheitet?
Ich habe mir gar nicht so viele Gedanken gemacht, auch während der Shows, einfach weil es so viel zu tun gab und wir mit so vielen anderen Sachen beschäftigt waren. Alles was ich jetzt momentan mitnehmen kann, an Erlebnissen und Erfahrungen, bringt mich weiter und ich sehe es als Chance. Ich bin stolz über jeden Schritt und hätte niemals gedacht, dass ich dahin kommen würde, wo ich heute bin. Aber ich weiß natürlich nicht, was für Überraschungen noch kommen werden.
Wie bei so vielen anderen Wettkämpfen ist es auch bei Castingshows oftmals so, dass der zweite Platz schon praktisch nicht mehr zählt. In wiefern unterscheidet sich deine musikalische Zukunft von der des Gewinners David Pfeffer?
Ich glaube, man kann uns gar nicht so wirklich vergleichen, weil wir zwei völlig verschiedene Musikrichtungen bedienen. Die Fans, die David hat, sind wahrscheinlich eher nicht meine Fans. Was ja auch in Ordnung ist, es aber auch schwierig macht, uns zu vergleichen. Aber wir stehen in Kontakt und er ist genauso fleißig dabei wie ich, glaube ich.
Fühlst du dich in diesem Kontext denn als Verliererin?
Nein, das Gefühl hatte ich nie. Ich war ja derart glücklich, dass ich ins Finale gekommen bin, auch weil ich einen solch turbulenten Weg bis ins Finale hatte. Als ich dann im Finale stand habe ich mir natürlich schon gewünscht zu gewinnen, aber ich bin sehr zufrieden mit meiner Platzierung. Und was für mich ein riesiger Vorteil war, was für David als Solokünstler auch gar nicht so relevant war, ist die Tatsache, dass ich selbst entscheiden konnte, mit wem ich zusammenarbeiten möchte. Mit welcher Plattenfirma, mit welchem Team und mich welchen Leuten ich mich umgeben möchte.
Hast du dir die Welt des Profi-Musikgeschäftes so vorgestellt?
Es ist etwas anders, als gedacht. Ich liebe es, aber es hat auch seine negativen Seiten. Es ist anstrengend und es ist nervenraubend ab und zu, aber für das Ergebnis am Ende hat es sich jedes Mal so krass gelohnt, dass ich definitiv so weitermachen möchte.
Machst du neben der Musik auch noch andere Sachen, im Studium oder beruflich?
Das Studium musste ich jetzt erst Mal auf Eis legen. Ich hätte gerne noch zwei Semester weitergemacht, um meinen Bachelor-Abschluss zu haben, und de werde ich auf jeden Fall auch noch nachholen. Aber momentan fehlt mir dafür einfach die Zeit und ich möchte das auch nicht so halbherzig machen.
Wenn man deine Biografie so betrachtet, zieht sich der jüdische Glauben mit gewisser Regelmäßigkeit durch dein bisheriges Leben. Wie wichtig ist dir Religion?
Religion war für mich ein Leben lang sehr wichtig, ich wurde sehr traditionell erzogen, obwohl wir keine sehr gläubige Familie sind. Wir halten zum Beispiel nicht jeden Freitags-Sabbat ein und essen auch nicht ausschließlich koscher. Aber die traditionellen Dinge sind für mich wichtig, dass möchte ich auch irgendwann mal an meine Kinder weitergeben. Außerdem ist es eine Art Hilfe für mich, einen Glauben zu haben, an dem man festhalten kann, wenn man traurig ist oder nicht weiter weiß.
Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, um sich überhaupt zu einer Castingshow zu wagen?
Zunächst mal natürlich Talent (lacht). Und man sollte natürlich besonderes sein, Ecken und Kanten haben, etwas, mit dem man herausragen kann, aus einer Gruppe von tausenden von Menschen. Und Natürlichkeit ist sehr wichtig.
Gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Castingshows, worauf sollten junge Sängerinnen und Sänger deiner Meinung nach achten?
Oh, ich habe die anderen Shows nie so richtig verfolgt, deswegen kann ich nur für X-Factor sprechen.
Momentan gibt es deine Single „Going Crazy“ zu kaufen, dein Album „This Is Me“ erscheint im Herbst. Was dürfen die Hörer erwarten?
Das Album wird sehr vielfältig werden, auch weil wir die Fans natürlich ein bisschen testen wollen, was sie am meisten anspricht. Außerdem gibt es viele Featurings, also Gastauftritte, aber die darf ich momentan noch nicht verraten. Außer vielleicht Mario Winans (Produzent von u.a. Mary J. Blige, Beyoncé, Whitney Houston), der ja auch mein Produzent ist.
Wie viel Mitspracherecht hast du bei den Albumaufnahmen, wie sieht dein Arbeitsablauf für das Album aus?
Es gibt sehr viel Studioarbeit, ich bin eigentlich jede Woche im Studio und wir arbeiten dann gerne in die Nacht hinein. Ich habe dazu Vocal-Coachings und treibe sonst viel Sport und ernähre mich gesund.
Aber ist die Arbeit im Studio auch ein Lernprozess für dich, der dir Einblicke in das Komponieren und die Aufnahmetechniken vermittelt?
Ja, klar, Erfahrungen sammle ich da jeden Tag. Wir arbeiten ja gemeinsam an den Songs, tauschen Ideen aus und die Leute mit denen ich arbeite sind ja schon seit Jahren in diesem Geschäft. Ich bin immer sehr interessiert daran, Neues zu lernen.
Wie zufrieden bist du denn mit der Nachbetreuung vom Fernsehsender „VOX“, nachdem die Fernsehshow vorbei ist? Erhältst du immer noch Unterstützung?
Mit „VOX“ direkt haben wir nichts mehr zu tun. Das Fernsehen ist für mich derzeit zwar als Thema sehr aktuell, ich kann aber noch nicht sagen, um welchen Sender es geht und was wir da machen werden. Aber bei „VOX“ ist es eher offen, ob ich noch Mal mit denen zusammenarbeite, oder eben nicht.
Aber wie sieht die Nachbetreuung aus, die die Aufnahme einer Platte und Liveauftritte und solche Dinge umfasst…
…Das kann ich gar nicht so genau sagen, damit beschäftigt sich mein Management!
Hast du noch Kontakt zu deinem „Coach“ Das Bo, oder zu den anderen Juroren Sarah Connor und Till Brönner?
Ab und zu. Wir reden hin und wieder miteinander, haben Kontakt über Facebook und SMS. Wir sind also alle noch mit einander verbunden und verstehen uns auch.
Du kannst Das Bo also anrufen, wenn du eine musikalische Frage hast?
(Verwundert) Ja, klar! Wenn ich der Meinung bin, dass er mir in der Hinsicht helfen kann, sicher! Wir haben jeweils die Nummer des Anderen.
Die dritte Staffel von X-Factor startet am 25. August. Wirst du zugucken? Was hast du für Erwartungen?
Sofern es meine Zeit erlaubt werde ich mir auf jeden Fall ein paar Folgen angucken. Ich bin sehr gespannt auf die neuen Leute und die neue Jury. Meine Erwartungen sind groß, denn die Show ist ein super Sprungbrett für jeden Künstler.
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