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Unfreiwillig komisch?

 
Flashmob-Aktionen in Berlin
 
Als Knut noch nicht einmal Idee war, hatte eine nicht minder aufsehenerregende tierische Rarität einen kurzen Gastauftritt in Berlin. Am 20. September 2003 schlurfte ein schwarzer Gorilla über den Alexanderplatz, um Punkt elf Uhr seine morgendliche FAZ auf dem Brunnenrand zu lesen. Kurze Zeit später schienen sich die Rollen zu verkehren, als um die 200 Passanten hinter der zotteligen Kreatur hinterherliefen und sämtliche Bewegungen imitierten: vom Kopfkratzen bis zu Luftsprüngen. Zehn Minuten später verflüchtigte sich die Menge, ohne je zurückzuschauen, in alle Richtungen.

Flashmobs heißen Blitzaktionen wie diese, die von Sommer bis Herbst 2003 jeden Winkel der Welt animierten, sich via Internet oder SMS Tatort, Tatzeit und Instruktionen zur Verhaltensauffälligkeit zukommen zu lassen, einen mit identischen Bewegungen oder Inhalt konzertierten schein-spontanen Massenauflauf zu inszenieren, um sich kurze Zeit später wieder wie selbstverständlich aufzulösen. „Get in, get out“: So schnell, wie der Mob kam und verschwand, so rasant hatte sich das Phänomen Flashmob entwickelt, hatten Sinnfreiheit plus Darstellungslust von den USA ausgehend Europa infiziert, um wenige Monate später – zumindest in dieser Form – in Dornröschenschlaf zu fallen.
 
Zwischen Spaß und Kommerz
 
Aber: „Das Neue ist immer das Alte“, lautet Boris Groys These zum ewigen Recyclingzyklus der Dinge, und so überrascht auch das Revival des Flashmobs nicht. Seit 2007 wird die Wilhelmshavener Fußgängerzone wieder zur Kissenschlachtarena, blockieren Lübecker mit Fahrradketten Verkehrskreise, besetzen Kölner Horden verkehrsstrategische Knotenpunkte in der Innenstadt. Auch in Berlin werden Flashmobaktionen über Internetportale organisiert. Die Hauptstadt des kreativen Wahnsinns hat den Sinn des sinnfreien Flashmobs mancherorts aber immer noch nicht verstanden. Als im Sommer 2003 der erste Berliner Flashmob anberaumt war, beeilte sich Radio-Eins noch ein bisschen mehr und führte am 30. Juli 2003 den früheren Flashmob auf. Da wurde fix die PR-Maschinerie angeworfen, um die Guerilla-Bewegung zur kleinen, kreativen Guerilla-Kommunikationsstrategie umzumodeln. Flashmobs wollen jedoch nicht zweckgebunden, sondern unkommerziell und unpolitisch sein. Unfreiwillig komisch wurde es dann aber doch noch: Als der Radio-Eins-Reporter im Sony-Center vor rund 40 Personen mit seinem bunten Regenschirm herumhampelte und die Presse zahlreicher vertreten war als „echte“ Flashmobber. In doppelter Hinsicht eine Veranstaltung (nur) für die Medien.

Beim Burger-Flashmob-Marathon 2008 musste von Unternehmensseite gar kein Aufwand betrieben werden: Nachdem 500 Jugendliche in Berlin ein Fast-Food-Restaurant mit 3618 Hamburgerbestellungen attackiert hatten, holten die „Burger Brüder“ in München beim „McDonalds-Sturm“ auf. Den Rekord hält ein weiterer Mob der „Sturm Crew Berlin“, bei dem sich am Ostbahnhof 700 Flashmobber versammelten, um 10.300 Burger zu verspeisen. „Die Motivation war, so viele Burger zu kaufen, dass diese Filiale schließen muss, weil die Vorräte ausgegangen sind“, erklärt der Teilnehmer Christian, der im Sturm auf McDonalds offenbar noch ein höheres Ziel zu erkennen glaubt als den Rekord-Battle. Die Rekordjagd ist für McDonalds Gold wert: „Obwohl 400 Euro fehlten, weil die Organisatoren Chickenburger (1,30 €) mit einem Euro berechnet haben, und McDonald's diese 400 Euro spendiert hat, dürfte die Filiale an diesem Tag einen Rekordumsatz erzielt haben“, schätzt der 21-jährige Fotograf zumindest die finanzielle Nebenwirkung richtig ein. Dabei hatte der erste Flashmob in Minneapolis in der Hall of America weise dazu aufgerufen, nichts vor, nichts während und nichts nach der Aktion zu kaufen – damit der Flashmob nicht zu Marketingzwecken instrumentalisiert werden kann. Nachahmer findet die Burger-Aktion immer wieder – zuletzt im Januar diesen Jahres in Stade und im April in Hameln. Ziemlich konträr zur Grundidee war übrigens auch eine Kölner Aktion der Katholischen Jugendverbände – sie wurde eher unspontan per Pressemitteilung organisiert.

Menschenmenge mit Luftballons. Foto: acBerlin / flickr

Flashmob mit Luftballons in Berlin

Antikunst, Medienwitz, oder beides?

 
Entstanden ist der Flashmob – natürlich – in New York. Hier explodierten in den 60ern vom Dadaismus inspirierte Kunstformen wie Action Painting, Fluxus, Performances und Happenings: eine Künstlergeneration hatte, erdrückt von der Präsenz der Malerei, die Exploration des Raums vorangetrieben, den auf Leinwand manifestierten Ewigkeitsanspruch zum flüchtigen, lebendigen Moment transformiert; Kunst entstand auf einmal kollektiv und multimedial, durch Körper, Bewegung, Alltagsgegenstände. Reiht sich dann Flashmob im Sinne von Dada und Fluxus als Antikunst ein, demgemäß, dass sie "unmittelbar den Gedärmen des Dichters entspringt“ (Hans Arp) und nicht unbedingt nach einem tieferen Sinn verlangt? (Wobei dann noch die Frage bliebe, ob jeder Künstler sein könne ...) Mit einem Anspruch dieser Art hatte die Erfindung von Flashmobs nichts zu tun, aus dem Phänomen ist aber durchaus eine Art Realsatire geworden: Bill Wasik vom Harpers Magazine, der lange Zeit anonym blieb, wollte die „youth hipster culture“ mit seiner Erfindung als Run von einem zum nächsten Trend bloßstellen, den blinden Glauben an Ironie, Kreativität und Konformität ironisieren. Die Ironie der Ironie: Wasik reiht sich unfreiwillig, durch seine Erfindung zum Super-Hipster geworden, ins Ballett der Masse ein.
 
Die kritische Masse
 
Zur Ehrenrettung der massenhaften Intelligenz schreitet dafür der große Bruder des Flashmobs: der Smartmob. Wo der Flashmob schlicht Aufmerksamkeit mobilisieren möchte und sich dann aus dem Staub macht, hofft der Smartmob (bei Einsatz derselben Mittel) auf nachhaltige Wirkung. Das Phänomen, dass sich fremde Menschen mit einem gemeinsamen Ziel durch neue Kommunikationstechnologie zu Aktionen verabreden, beschrieb der Medientheoretiker Howard Rheingold 2002 in "Smart Mobs: The Next Social Revolution". Und tatsächlich: Die smarte Variante wird bei vielen sozial- und globalisierungskritischen Aktionen eingesetzt und 2001 hatten per SMS koordinierte Smartmobber gar durch Blitzdemos zum Sturz des philippinischen Präsidenten Estrada beigetragen – überall wo der korruptionsverdächtige Politiker auftauchte, protestierten in Windeseile auch schwarz gekleidete Demonstranten.

In Berlin traf sich die smarte Masse zum Beispiel, um sich für den Artenschutz zu inszenieren. Die Smartmobber waren angewiesen, sich als Affen, Elefanten oder Tiger zu verkleiden und jaulend, quiekend und brüllend über den Platz zu robben. Um mit solch einem Szenario politische oder gesellschaftliche Wirkung zu erzeugen, müsste hier noch ein wenig gefeilt werden. Ein Flashmob der Sturm Crew für die Berliner Tafel hatte dagegen eine etwas längere Wirkung als drei Minuten: Die Kuscheltiere, die die Flashmobber mitgebracht und durch die Luft geworfen hatten, wurden im Anschluss auf Berliner Sozialeinrichtungen verteilt.

Menschenmenge schmeißt mit Kuscheltieren um sich. Bild: Scoobay / flickr

Kuscheltiere in Krakau


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