Du hast Stress auf dem Schulhof – zack – ist ein Buddy zur Stelle! Steht dir bei, schlichtet und löst den Konflikt. Einfach so. Selbstlos. Lässig. Lieb. Hammer, oder!? Du verzweifelst an den Hausaufgaben – schwupp – taucht er wieder auf, der Buddy, hilft dir und erklärt den Stoff so, dass du ihn verstehst. Unglaublich, aber wahr! Der Buddy ist keine neue Comicfigur oder ein Phantom aus deiner Fantasie, sondern an 800 Schulen in Deutschland bereits Realität. Rund 400.000 Schüler sind zurzeit als Buddy (englisch für Kumpel) aktiv. Freiwillig. Durch Mitgefühl, Toleranz, Engagement und eine gehörige Portion Verantwortungsbewusstsein pushen sie den Wohlfühl-Faktor ihrer Schule. Denn anderen zu helfen, ist ihnen ein Bedürfnis und darum selbstverständlich. Respect besuchte eine Schule mit Buddy-Projekt* – und war tief berührt.
Dinslaken, eine kleine Stadt im Ruhrgebiet, 72.500 Einwohner, darunter 15 Buddys. Die finden wir an der Jeanette-Wolff-Realschule. Finden ist gut … wir sind gespannt, ob die Buddys anders aussehen als die restlichen Schüler, irgendwie freundlicher. Oder zumindest größer und stärker. Haben sie wohlmöglich einen Heiligenschein? Schließlich fungieren die Buddys an dieser Schule nicht nur als liebevolle Paten für die 5er Klassen, sondern auch als Streitschlichter, gehen dazwischen und mischen sich ein, wenn’s auf dem Schulhof Ärger gibt. Buddys müssen mehr Mumm im kleinen Finger haben, als andere im ganzen Körper, denken wir. Und sind enttäuscht – ähm – erstaunt wie normal die Buddys aussehen … gar nicht wie Helden. Hm, kein Hulk-Klon, der muskulös, grün und mit zerfetzten Klamotten die Schulbank drückt und nebenbei Schüler auf dem Pausenhof beschützt. Auch kein schmächtiger Typ wie Mahatma Gandhi, der Gewaltfreiheit predigt – und sich auf seinen Brillenträger-Bonus verlässt. Ach, ja, Mädchen sind auch dabei. Mädchen, keine Engel für Charlie … Kein Karate! Keine Chance?
Das Geheimnis der Buddys
Was haben Buddys, was andere nicht haben? Wir fragen Judith Wille, die Buddy-Lehrerin an der Schule, welche Fähigkeiten man braucht, um bei diesem Projekt mitmachen zu können. „Jeder kann Buddy werden, der Lust dazu hat und sich für andere engagieren möchte“, sagt sie freudestrahlend. „Auch Schüler mit wenig Selbstvertrauen haben hier die Chance, Selbstvertrauen zu gewinnen und zu steigern.“ Das ist toll, bringt uns aber nicht wirklich weiter. Johannes Hansen vom Amt für Kinder und Jugend ist Konfliktfachmann für Schulen und kümmert sich seit 10 Jahren um das Streitschlichternetzwerk in Dinslaken. Er weiß bestimmt, warum Buddys so besonders sind, auch wenn man’s ihnen nicht gleich ansieht. „Wir arbeiten gegen den Ellenbogen-Trend, wo jeder sich selbst am nächsten ist. Zivilcourage ist ein Bestandteil der Buddy-Ausbildung – mutig sein, ist das eine, Strategien haben, wie man einen Streit schlichten kann, das andere. Das lernen Buddys!“ Okay, Selbstbewusstsein (kriegt man), Mut (lernt man) und Strategien (lernt man auch) braucht man als Pausen- und Streitschlichter-Buddys. Doch es gibt ja noch viel mehr Buddy-Projekte, die sind nämlich auf die Bedürfnisse der Schüler abgestimmt. An der Förderschule in Walsrode sind beispielsweise Bus-Buddys aktiv, die dafür sorgen, dass es kein Gerangel mehr auf dem Nachhauseweg gibt. Hausaufgaben-Buddys sind an der Städtischen Realschule Ahlen zur Stelle, wenn’s Schwierigkeiten gibt. Und jeweils zwei Klassen-Buddys unterstützen den spastisch behinderten Marc bei seinem Schulalltag, damit er „ganz normal“ auf eine Gesamtschule gehen kann. Lese-Buddys, Schulweg-Buddys, Schultreff-Buddys, Ferien-Buddys, Bücherei- und Mensa-Buddys … so unterschiedlich sie klingen, so haben doch alle Projekte eins gemeinsam: Schüler helfen Schüler! Pling – eine imaginäre Glühbirne leuchtet auf – und wir kennen plötzlich das Geheimnis der Buddys: Sie alle haben eine XXL-Portion Mitgefühl und den Wunsch, anderen zu helfen! Teamgeist, Konfliktfähigkeit, Toleranz und Fairness werden bei ihnen großgeschrieben. Und gelebt. So unscheinbar sie auch aussehen mögen, so heldenhaft sind ihre Taten, als Konflikte-im-Keim-Ersticker, Unterstufenschüleraugen-zum-Leuchten-Bringer, Nächstenliebe-wortwörtlich-Nehmer und vor allem: die Welt-ein-bisschen-besser-Macher.
Buddys aus der Jeanette-Wolff-Realschule erzählen … über sich, ihre Erfahrungen & Wünsche
Julia (16)
„Viele Schüler denken, es ist uncool den Schwachen und Außenseitern zu helfen. Ich finde das Gegenteil. Es ist ein gutes Gefühl, wenn die 5.Klässler zu einem aufsehen und mit ihrem Kummer zu uns kommen. Es ist wichtig, Schülern, die bisher immer unterschätzt wurden und sich selbst nichts zugetraut haben, Mut zu machen. Man kann oft sehr viel tun, auch wenn es einem nicht so bewusst ist. Ich selbst habe mich früher eher verkrochen und hatte Angst Situationen zu verschlimmern, wenn ich mich einmische. Doch als eine Freundin zum Mobbingopfer wurde, ist bei mir der Knoten geplatzt und ich habe erkannt, dass ich etwas bewirken kann. Als Buddy versuchen wir Mobbing vorzubeugen, indem wir in die Klassen gehen und demonstrieren, was das ist, was es anrichtet und was man dagegen tun kann. Brauchen sie Hilfe und Unterstützung, wissen sie, wo sie die bekommen können – bei uns, den Buddys! Mit uns kann man unbeschwerter sprechen als beispielsweise mit den Lehrern, wir können uns besser in sie hineinversetzen und haben viel Verständnis. Die Buddy-Ausbildung kann ich auf jeden Fall auch privat und später im Berufsleben gebrauchen – es gibt immer Konflikte und Probleme, die gelöst werden müssen!“
Sebastian (16)
„Wir Buddys reagieren auf jede kleine Hänselei sofort, achten auf Schüler, die schon wieder alleine auf dem Schulhof stehen, sehen Mobbing schon fast voraus. Dann gehen wir in die Klassen und reden … Der, der gemobbt wird, gibt es nicht zu, behauptet, dass alles in Ordnung ist, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich wurde ab der 6. Klasse gemobbt. Ich habe mich nicht getraut, jemanden etwas zu sagen, auch nicht meinen Eltern. Heute sehen uns die meisten Schüler als Respektsperson an, weil wir Konflikte mit Worten regeln können und eine friedliche Lösung finden. Wir können Gewalt im Keim ersticken, Streitende mit Worten auseinander bringen. Ohne Lehrer! Ohne Strafarbeit! Wir bieten ihnen eine Alternative an – keiner wird etwas darüber erfahren … Ich bin Buddy, weil ich grundsätzlich gerne helfe, aber man ist manchmal abends ganz schön erschöpft!“
Christian (16)
„Ich bin ein Buddy, weil ich selbst weiß wie es ist, geärgert zu werden. Bevor ich als Buddy einen Streit schlichten kann, sage ich den Streitparteien, dass sie sich zuerst abreagieren sollen, bevor sie reden – sonst bringt es eh nichts. Dann muss man als Buddy neutral und ruhig bleiben und sich nicht aufstacheln lassen. Ob Buddys eine besondere Fähigkeit haben? Ja, sie können sich viel besser in andere reinfühlen!“
Jacqueline (16)
„Seit ich Buddy bin, kann ich Streit schlichten und habe mehr Verantwortungsbewusstsein. Wenn die Großen den 5.Klässlern mal wieder den Ball abgenommen haben, dann gehen wir Buddys hin und holen ihn wieder. Ist der Ball kaputt, sorgen wir für Gerechtigkeit – der Ball muss ersetzt werden. Es macht viel Spaß, etwas mit und für die Kleinen aus der 5. Klasse zu machen. Mir liegt es am Herzen, zu helfen, aber ich würde mir wünschen, dass es nicht mehr so viele Probleme bei den Schülern gibt, ob es jetzt kleine Streitereien sind oder halt größere Sachen wie Mobbing, das ist das Hauptthema bei den Jugendlichen. Sie suchen sich immer einen aus, den sie ärgern und verletzen können. Das soll endlich aufhören! Es ist nicht schön, immer ausgegrenzt zu werden, und die Lehrer meistens weggucken und nicht einsehen wollen, dass da jemand gemobbt wird.“
Buddy-Projekt
Es gibt ein Buddy-Motto: „Aufeinander achten. Füreinander da sein. Miteinander lernen“ – lass es dir auf der Zunge zergehen … lies es ruhig noch einmal. Toll, was! Wer Buddy sein möchte, lernt soziale Kompetenz, übernimmt Verantwortung für sich und andere Schüler und bewirkt so, dass die Schule mehr Spaß macht. Für alle. Denn Lernen von-, für- und miteinander steht bei allen Projekten an erster Stelle. Unterstützung für die Projekte bekommen die Buddys von zwei ihrer speziell als Buddy-Lehrer ausgebildeten Pauker, die sie auch beraten und begleiten. Zwei Lehrer sind übrigens Grundvoraussetzung, um überhaupt ein Projekt an der Schule starten zu können. Dass die Schulleitung damit einverstanden sein muss, ist klar. Denn so ein Buddy-Projekt in die Tat umzusetzen, kostet Kraft und Zeit. Und natürlich Geld, um die Trainings bezahlen zu können. In Niedersachsen, Berlin, Hessen, Ostwestfalen-Lippe und Thüringen hat die Landes- bzw. Bezirksregierung das Programm als offizielles Schulprogramm eingeführt. Weigert sich das Kultusministerium Geld locker zu machen? Dann besteht auch die Möglichkeit, ein Netzwerk zu gründen wie in Bonn. Je mehr Schule aus der Umgebung sich beteiligen, desto besser. Denn so werden nicht nur die Kosten so gering wie möglich gehalten, sondern man hat auch Gleichgesinnte zum Austausch, Unterstützen und Lernen. Buddy eben.
Infos unter: www.buddy-ev.de
Guckst du noch oder hilfst du schon?
Hier findest du Tipps und Anregung
Eine Initiative für mehr Zivilcourage hat die Polizei mit der „Aktion tu was“ (www.aktion-tu-was.de) ins Leben gerufen. Mit Tipps, wie ich effektiv helfen kann, auch ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
Ein interaktives Selbstlernprogramm zum Thema Streitschlichten kannst du auf www.basta.net ausprobieren.
Auf www.eingreifen.de beschäftigt sich mit Zivilcourage! Was ist das eigentlich genau und warum ist es so wichtig – für mich und für andere.
Buchtipp:
„Voll die Helden“, 20 junge Autoren über Zivilcourage, Arena Verlag, 4,50 Euro (Hinweis: Die 20 Geschichten über Mut, Feigheit und verpasste Gelegenheiten wurden für einen respect-Schreibwettbewerb geschrieben. Sie sind spannend, aufschlussreich und ergreifend!)


