Fernsehreihe "180 Grad" – Lebenswandel mit Tiefgang
Gepostet von Klaas am 27.09.2012
Der Fernsehsender VIVA emanzipiert sich mit dem neuen Fernsehformat „180 Grad“ ein bisschen vom plätschernden Musikfernsehen und liefert tiefergehende Reportagen abseits des Musikgeschäfts.

Text: Klaas Tigchelaar
Fotos: VIVA
Am Freitag, den 21. September, lief die erste von insgesamt neun Folgen der neuen Dokumentationsreihe „180 Grad“ beim Fernsehsender VIVA. Eine selbst produzierte Dokumentationsreihe, fernab vom klassischen Musikfernsehen, in der junge Menschen beschreiben, „wie sie in ihrer frühen Jugend aufgrund ihres Verhaltens oder ihrer Einstellung von der Gesellschaft abgelehnt oder gar abgeschrieben wurden“, so der Sender.
„Bereit sein für einen Neustart“, lautet die Botschaft, die auch Danny aus Cottbus erreicht hat. In einem beinahe leeren Raum steht er vor der Kamera und erzählt in ruhigem Ton, wie er bereits mit 15 Jahren langsam in die Drogenszene abgerutscht ist, vom ersten Mal Kiffen über Speed, Ecstasy, Kokain, Crystal bis hin zum Heroin. Der charismatische 24-Jährige hat es geschafft, die Drogen hinter sich zu lassen und seinen Alltag um 180 Grad zu drehen. „Da gehört ein ganze Lebenswandel dazu“, erklärt er nüchtern.
Drei Jahre ist er jetzt clean, holt gerade den Realschulabschluss nach und möchte später beruflich als Streetworker im Bereich Suchtprävention arbeiten. Ein verändertes Umfeld und das Bedürfnis, dazu zu gehören, brachten ihn in jungen Jahren erstmals in Kontakt mit Drogen. Erst als er am absoluten Tiefpunkt angelangt war, der Tag nur noch daraus bestand, das nötige Geld für den nächsten Schuss Heroin zu „besorgen“ und einige seiner Bekannten an einer Überdosis starben, hat es bei Danny „klick“ gemacht.
Aber ein Drogenentzug ist kein Spaziergang, Danny wurde mehrmals rückfällig, bevor ihm schließlich in einer langen Prozedur, durch einen kalten Entzug mit anschließender, viermonatiger Therapie in der 1996 gegründeten Therapieeinrichtung Haus Lenné in Berlin, der Absprung aus dem Drogenmilieu gelang. Durch die Hilfe der Einrichtung hat er sich komplett von den alten Bekannten lösen können und endlich auch Ziele für sein vorher unsortiertes Leben gefunden.
Auch Sektenaussteiger, Essgestörte und Straßenkinder kommen im neuen, dreißigminütigen Format von VIVA zu Wort. Denn auch ihre Schicksale sind beklemmend, manchmal lebensbedrohlich und erfordern viel Mut und Ausdauer, um die nötige Distanz zum alten Leben aufzubauen und die Wende zu schaffen.
Der äußerlichen, stilistischen Präsentationsfläche des Musikfernsehens bleibt der Sender zwar auch bei „180 Grad“ treu, die Bildschnitte sind schrill und schnell, die Einspieler und die musikalische Untermalung legen ein hohes Tempo vor. Aber die hier auftretenden Akteure wirken nicht gekünstelt und erzählen mit großer Ruhe echte Geschichten aus dem Leben, die in „180 Grad“ ernsthaft, wenig geschönt und niemals reißerisch aufbereitet werden.
VIVA verbürgt sich für die bisher ungekannte Authentizität in ihrem neuen, kritischen, aber ebenso nüchternen Dokumentationsformat. Natürlich bietet eine halbe Stunde keinen Platz dafür, wirklich in die Tiefe des jeweiligen Themas einzutauchen. Dennoch hat das Format gleichermaßen qualitativ hochwertigen Informations- wie Lehrgehalt, ohne sich komplett vom popkulturellen Stil des Senders abzukehren. Im Vordergrund stehen die Lebenswenden der portraitierten jungen Erwachsenen, nicht das einhergehende Problem an sich.
Natürlich fragt man sich, warum der Fernsehsender nicht schon früher den Mut besessen hat, sich auf diese unvoreingenommene Weise dem stellenweise problematischen Alltag der Jugendlichen an zu nähern.
Der Sender gibt darauf zwar keine Antwort, aber liefert seit dem 26. September direkt noch ein weiteres neues Fernsehformat namens „Vivapedia“ nach, in dem VIVA-Videojockeys wie Palina Rojinski, Romina Becks oder Jan Köppen sich „verschiedensten wissenschaftlichen Themen in 60-minütigen Episoden ganz unkonventionell nähern“ und Wissen mit „dem besonderen Quäntchen Charme“ vermitteln. Zwischen all den bunten Videoclips sicherlich auch eine erfrischende Abwechslung.
„180 Grad“ läuft jeweils freitags um 20.15 Uhr auf VIVA und wird samstags (18.45 Uhr), sonntags (15.40 Uhr) und dienstags (17 Uhr) wiederholt.
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