Aufmerksamkeit statt Mitleid
Gepostet von Sonja am 22.08.2012
Diskriminierung, Alltag und Mitmenschliches: Blogs vermitteln persönliche Einblicke in besondere Leben.

Text: Sonja Peteranderl
Foto: Screenshot Drüberleben
Glasknochenkrankheit, Depression, Autismus, Gehörlosigkeit oder Querschnittslähmung: Im Netz berichten Menschen aus ihrem Leben und von Herausforderungen, an die andere noch nie gedacht haben, die aufrütteln und anderen Betroffenen Mut machen.
Blogs können ein Ventil für Frust sein, neue Netzwerke spinnen, sie vermitteln einen Einblick und damit auch ein besseres Verständnis für die unterschiedlichen Welten. Fünf Leben.
Autismus verstehen
Amanda Baggs ist Autistin und bloggt über ihre Innenwelt, Klischees und Diskriminierung. Was sie aufregt und verletzt, wie sie sich fühlt, was sie anderen nicht mit Worten erklären kann, beschreibt sie auf ihrem Blog Ballastexistenz.
In einem Betrag erzählt sie etwa, wie eine Frau durch ihre Art der Kommunikation und Berührung ihre Grenzen überschritten hat, welche Auswirkungen solch ein Verhalten auf sie hatte, und wie sie sich mit einer Grafik dagegen zu Wehr setzte (https://ballastexistenz.wordpress.com).
Der Aktivist
Aufmerksamkeit statt Mitleid für Menschen mit Handicap: Raúl Aguayo-Krauthausen (http://raul.de/) aus Berlin meckert über das seltsame Verhalten von Mitmenschen, über die Bahn und zu hoch hängende Geldautomaten, über mangelnde Barrierefreiheit, kämpft aber auch für eine bessere Welt – durch Blogeinträge, die zum Nachdenken anregen, seinen Verein Sozialhelden, indem er die Belange von Menschen mit Handicap in die Öffentlichtkeit bringt, online und offline.
Immer weiter so
"Drüberleben" klingt mit seiner schmetterlingshaften, poetischen Sprache oft leichter als es seiner Autorin zumute ist - die 26-jährige Kathrin berichtet über ihren Alltag, die immer wiederkehrenden Kämpfe mit Depression und wie es trotzdem weitergeht. In diesem Jahr kommt auch ihr erstes Buch heraus.
Die Welt mit den Augen sehen
Warum Julia Probst bloggt? „Mir liegt viel daran, die Barrieren in den Köpfen der Menschen zu beseitigen, wenn es um Gehörlose und Schwerhörige und alle anderen Menschen mit Behinderungen geht und möchte näherbringen, warum Untertitel und Gebärden und sonstige Sachen wichtig sind für uns“, schreibt die 30-Jährige über sich. „Es ist einfach ein Einblick in eine Welt, die kaum einer außerhalb so richtig kennt und deren Bedürfnisse kaum berücksichtig werden.“
Sehr oft geht es auf ihrem Blog um Sport – Julia, die seit ihrer Geburt gehörlos ist, kommentiert gerne sportliches Geschehen und entziffert durch Lippenlesen auch Flüche von Fußballspielern, die sonst keiner entschlüsseln kann – ein besonders von Hörenden nachgefragter Service wie Spiegel Online berichtet.
Tagebuch einer Stinkesocke
Bloggen, um zur Verständigung zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen beizutragen, war eigentlich nicht Jules Ziel. "Jules Blog - aus dem Leben einer Stinkesocke" sollte eher ein persönliches, therapeutisches Online-Tagebuch werden, indem sie verarbeiten konnte, was geschehen war: mit 15 Jahren eine Querschnittslähmung durch einen Autounfall, der Zerfall ihrer Familie und des ehemaligen Freundeskreises, das Leben als einzige Herausforderung.
Doch viele interessierten sich für ihr Blog, in dem sie sehr offen und sehr persönlich über ihren Alltag, ihr Umfeld, Herausforderungen wie unmögliche Bahnfahrten, Probleme mit ihrer Inkontinenz oder Orgasmen schreibt. Bei den Deutsche Welle Awards wurde Jules Online-Tagebuch zum besten deutschsprachigen Blog gewählt, und mehr als 985.000 Menschen haben das Blog inzwischen besucht - vielleicht knackt Jule bald die Million.
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