Zur Hauptnavigation springen Zum Login springen Zum Seiteninhalt springen


Neue Leichtigkeit - Junge Israelis über Deutschland

Gepostet von Sonja am 03.08.2012

Verliebt in Berlin: Für viele junge Israelis bedeutet Deutschland heute vor allem Freiheit, Nachtleben und Kultur.

Auf der Bar 25-Party in Tel Aviv feiern die jungen Israelis wie an der Spree

Text: Sonja Peteranderl
Foto: Omer Benziony
 
Wenn Julie Kravitz von Deutschland spricht, kommt sie ins Schwärmen – obwohl die 25-Jährige in Tel Aviv geboren und mit Erzählungen über die Gräueltaten der Nazis aufgewachsen ist. Die Großmutter ist 1943 den Nationalsozialisten nur knapp entkommen – mit ihrem Mann sprang sie unter Beschuss aus einem Zug, der sie nach Auschwitz bringen sollte.
 
Dennoch: Mit Deutschland verbindet Enkelin Kravitz vor allem den Spaß, den sie dort auf Reisen erlebt hat. Besonders die Bar- und Clubszene hat es ihr angetan, als sie im vergangenen Jahr in Berlin war: „Am liebsten würde ich wieder hin.“
 
Berlin-Hype in Tel Aviv
Wie Kravitz geht es vielen Israelis ihrer Generation: Der Berlin-Hype hat ganz Tel Aviv erfasst – fast jeder war schon dort oder möchte bald hin, in die Stadt, die für Israelis das beliebteste Reiseziel in Deutschland ist.
 
Der Salon Berlin, eine Hipster-Bar mit Siebziger-Jahre-Möbeln im Zentrum von Tel Aviv, will das Lebensgefühl der deutschen Hauptstadt vermitteln. Im Maxim Club tanzt man zu den Elektro-Beats Berliner DJs. Ein junger Mann rutscht dort auf einem rollenden Plüschzebra über die Tanzfläche, viele der Gäste sind ausgefallen kostümiert, tragen opulente Glitzerspuren im Gesicht und Federn im Haar.
 
Was in dieser Nacht geschieht, ist eine Reminiszenz an die legendäre "Bar 25" – ein inzwischen geschlossener Berliner Club, der dafür bekannt war, dass die Partys eine halbe Woche dauerten.
 
Freiheit und Kreativität
Fünf israelische Freunde, die sich "BeTA Version" nennen – abgeleitet von den Initialen von Berlin und Tel Aviv – haben die "Bar 25"-Labelnacht organisiert. Omer Benziony, Gründer von BeTA Version, hat selbst fünf Jahre in der deutschen Hauptstadt gelebt. „Berlin bedeutet für mich die Freiheit, so zu sein, wie man ist. Kreativität, ein friedliches Leben, alternative Lebensstile, das Gefühl ein Individuum zu sein und trotzdem Teil vieler und so unterschiedlicher Menschen“, schwärmt der 36-Jährige.
 
Auch das Interesse an Deutsch-Sprachkursen an den Goethe-Instituten in Tel Aviv und Jerusalem steigt stetig. Junge Israelis lernen die Sprache, die für manche Großeltern nur „die Sprache der Täter“ war, und verbringen nach ihrer Militärzeit ein paar Monate in Deutschland, studieren und arbeiten dort – manche bleiben gleich ganz.
 
Auch zahlreiche Künstler-, Austauschprogramme und Stipendien locken immer mehr Israelis nach Deutschland. In Berlin leben dem Statistischen Bundesamt zufolge inzwischen 3139 Israelis mit Aufenthaltsgenehmigung – im Jahr 2005 waren es noch knapp 2300. Dazu kommen zahlreiche Touristen und Studenten.
 
Tausende Israelis in Berlin
Von 10 000 bis 20 000 Israelis in Berlin geht Ilan Weiss aus. Vor drei Jahren hat der heute 60-Jährige das Online-Forum Israelis in Berlin gegründet. Auf der Webseite geben in einer Umfrage mehr als 20 Prozent der Befragten an, sie seien der Liebe wegen gekommen, etwa 18 Prozent wegen des Studiums und 13 Prozent hatten einfach Lust, eine Weile im Ausland zu leben.
 
Ilan Weiss ist zwar nicht der Liebe wegen nach Deutschland gekommen, aber wegen seiner Frau geblieben. Als er Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland ging, um Maschinenbau zu studieren, war das noch ein seltener Entschluss. „Es gab nur ein Dutzend israelische Studenten“, sagt Weiss und ergänzt: „Es war nicht gerne gesehen, aber keiner in meiner Familie hat Veto eingelegt.“ Inzwischen habe Deutschland ein positives Image bei den meisten Israelis, bestätigt Weiss. „Deutschland versucht, aktiv sein Image zu verbessern.“ Er habe keine antisemitischen Erlebnisse gehabt und das Gefühl, dass Israelis zu den privilegierten Einwanderern zählen.
 
Keinen Schritt nach Deutschland
Natürlich gibt es auch noch Israelis, deren Großeltern durch den Holocaust umgekommen sind und die deshalb niemals einen Schritt auf deutschen Boden setzen würden – doch es sind nur noch wenige, die sich so rigoros distanzieren. „Das ist eben ein Prozess“, sagt Ilan Weiss. „Man kann nicht einen Schnitt machen und sagen: Ab heute ist alles wieder in Ordnung.“
 
Aber in das deutsch-israelische Verhältnis hat sich eine neue Leichtigkeit eingeschlichen. Weiss glaubt, dass das vor allem mit der Lebenseinstellung der jungen Generation zusammenhängt: „Es ist eine sehr Ich-bezogene Generation, die sich für den Mittelpunkt der Welt hält, Fun haben will“, sagt er. „Nicht, dass die Vergangenheit ihnen nicht bewusst ist, aber es stört sie weniger als zuvor – und wenn die Vergangenheit das Lebensgefühl stört, verdrängt man eben.“
 
„Neue Unnormalität“
Die Historikerin Fania Oz-Salzberger, Tochter des israelischen Schriftstellers Amos Oz, nennt das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschland dagegen „neue Unnormalität“, ein Phänomen, das ihrer Meinung nach sehr positiv ist: Es ist eine Annäherung – aber ohne zu vergessen, was geschehen ist.
 
Auch der „BeTA Version“-Party-Organisator Omer Benziony aus Tel Aviv ist sich sicher, dass die jungen Israelis die Geschichte nicht vergessen: „Wir haben es immer im Hinterkopf. Aber wir leben jetzt und für die Zukunft.“ Er findet, dass viel Positives zwischen Israel und Deutschland geschieht, dass es schon immer eine spezielle Verbindung gab – bereits vor dem Krieg und auch wegen dem Zweiten Weltkrieg.
„Jede Generation ist neu und wird von unterschiedlichen Ereignissen beeinflusst, durch Vergangenheit und Gegenwart“, sagt Benziony. „Wir gehören aber zu einer Generation, die nicht mehr an Grenzen glaubt, sondern an Menschen.“

Kategorien: Identität, Mode & Style

Bisher noch keine Kommentare

Kommentar schreiben Beitrag melden






* Pflichtfelder


Neueste Kommentare

« Zurück zur Übersicht

Quell-URL: http://212.66.17.154/projektblog/eintrag.php?eid=713