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Traumberuf Schiedsrichter

Gepostet von gast am 26.06.2012

Der 17-jährige Berliner Ricardo Scheuerer pfeift in Berlin und Umgebung regelmäßig Spiele der C-Jugend Bezirksliga, ohne einen Ton zu hören.

Schiedsrichter Ricardo Scheuerer

Ist das ein Abseits? War der Ball im Aus? Verdient der Spieler eine rote Karte? Fußballschiedsrichter tragen jede Menge Verantwortung und sorgen für Fairness auf dem Spielfeld. Dabei muss man einen kühlen Kopf bewahren, auch in hitzigen Situationen. Eine Aufgabe, die Ricardo Scheuerer schon immer fasziniert hat. Der 17-jährige Berliner ist gehörlos und pfeift in Berlin und Umgebung regelmäßig Spiele der C-Jugend Bezirksliga, allein 60 in der letzten Saison.

Wie das funktioniert? Mit Gesten, Mimik, Körpersprache und jeder Menge Selbstvertrauen. respect.de erzählt Ricardo wie er den Weg aufs Fußballfeld gemeistert hat, wie er sich gegen 22 Mann durchsetzt und was sein Tipp für die Europameisterschaft ist.

Ricardo, du bist Schiedsrichter beim Fußballverein SC Blau Gelb
Berlin. Wie kamst du auf die Idee Schiedsrichter zu werden?

Der Verein SV Wartenberger suchte in einer Ausschreibung neue Schiedsrichter. Da bin ich auf das Amt aufmerksam geworden und wusste gleich, ich möchte Schiedsrichter werden. Außerdem bereitete es mir schon vorher eine große Freude, Spiele auch ohne Schiedsrichterausweis zu leiten. Den Weg letztlich zur Schiedsrichtertätigkeit hat mir mein jetziger Heimatverein SV Blau Gelb geebnet. Dafür danke ich den Verantwortlichen sehr.

Hast du damals darüber nachgedacht, dass es für einen
Gehörlosen evtl. schwer oder sogar unmöglich sein könnte Schiedsrichter zu werden? Hast du je Zweifel gehabt?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe nicht darüber nachgedacht und zu mir gesagt, als Gehörloser kann ich allen zeigen, dass ich das auch kann. Zweifel konnte ich völlig ausschließen.

Wie hat dein Umfeld, dein Freundeskreis reagiert?
Mein Umfeld und mein Freundeskreis haben sehr überrascht reagiert. Besonders meine ehemalige Klassenlehrerin und meine Familie gingen sehr respektvoll mit mir um und unterstützen mich in meinem Vorhaben. Sie wussten, dass ich es schaffen kann.

Für die Lizenz zum Schiedsrichter muss man sich zunächst an den
Fußballverband wenden und eine Prüfung absolvieren. Wie reagierte der Verband, als du dich vorgestellt hast? Und wie schwer war die Prüfung?

Der Fußballverband hat anfangs skeptisch reagiert. Mein Ansprechpartner war nicht restlos überzeugt und begründete es damit, dass man als Schiedsrichter viel vor, während und nach dem Spiel kommunizieren muss. Ich verstehe das sogar, denn schließlich wollte mich der Verband auch ein stückweit schützen. Aber mein Verein, meine Familie und ich haben zusammengehalten und als der Verband grünes Licht gab, habe ich es letztlich auch geschafft. Die Prüfung konnte ich als Lehrgangsbester abschließen.

Was ist für dich die größte Herausforderung auf dem Platz?
Dass ich mit meinem Handicap die Spiele leiten kann. Viele Menschen begegnen mir mit Respekt, das ist wirklich toll. 


Wie reagieren die Fußballspieler und Fans auf dich? Wie kommunizierst du mit ihnen?
Über die gesamte Saison habe ich 60 Spiele geleitet. Ich würde sagen, dass 96 Prozent der Aktiven mich respektierten und ich mit ihnen keine Probleme hatte. Mit den anderen 4 Prozent hatte ich so meine Schwierigkeiten. Mit den Fans komme ich nicht in Kontakt. Ich kommuniziere vor dem Spiel und nach dem Spiel ausschließlich mit den Spielern und den Funktionären. Natürlich kann ich etwas sprechen und kann von den Lippen ablesen. Hier und dort werde ich auch von meinem Kommunikationsassistenten zu den Spielen begleitet.

Was genau macht der Kommunikationsassistent? Ist er auf dem Spielfeld mit dabei?
Der Kommunikationsassistent kommt zum Einsatz, wenn ich Fragen oder Hinweise an die Trainer kommunizieren muss. Oder wenn ich den Platzwart darauf hinweisen muss, wenn das Tornetz kaputt ist. Im Spiel bin ich auf mich alleine gestellt.

Wurdest du schon mal von einem Spieler falsch verstanden? Was hast du dann gemacht?
Natürlich. Dann habe ich es auf ein Blatt Papier geschrieben und dann konnten wir uns verständigen.

Was war dein schönster Moment als Schiedsrichter?
Als ich bei einem großen Berliner Turnier im Gespann amtieren konnte. Auch das Amtieren bei der Gehörlosen Champions League war ein schöner Moment für mich. Aber das Beste ist jedes Mal, wenn ich von den Spielern und Funktionären für meine Leistung gelobt werde. Das ist ein schönes Gefühl.

Und der schlimmste Moment?
Als ich ein C-Junioren-Spiel abbrechen musste, weil sich die Mannschaften nicht im Griff hatten.

Was ist genau bei dem Spiel passiert?
Beide Mannschaften attackierten sich körperlich, so dass ich einen Spieler des Feldes verweisen musste. Da eskalierte die Situation und ich brach daraufhin das Spiel ab.

Was für Pläne hast du für die Zukunft? Bundesliga?
Erstmals werde ich in der nächsten Saison in die B-Junioren-Landesliga aufsteigen. Natürlich ist die Bundesliga mein Ziel, aber hier gehe ich Schritt für Schritt.

Du hast bestimmt die Fußball-EM verfolgt. Wo und mit wem schaust du die Spiele an?
Ja natürlich, ich schaue mir die Spiele mit meiner Familie und meinen Freunden an.

Und was ist dein Tipp, wer wird gewinnen?
Ich habe die große Hoffnung, dass Deutschland gewinnen wird.

Foto: Privat

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