Nina Wortmann - Model, Mutter und Sportlerin
Gepostet von gast am 16.04.2012
Die quirlige und neckisch-gut gelaunte Nina Wortmann (31) ist gerade ein bisschen aufgeregt. In einer Stunde spielt sie mit ihrer Rollstuhlrugby-Mannschaft, den Erzteufeln der Paderborner Ahorn-Panthers, beim Bernd Best-Turnier, dem größten Rollstuhlrugby-Turnier der Welt in Köln. Vorher erklärt sie aber, wie sie Rugby, Modeljobs und die Rolle als Hausfrau und Mutter unter einen Hut bringt. Und wie sie dabei auch ganz unbeschwert mal vergisst, dass sie nicht zu den „Fußgängern“, gehört, sondern eben auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Erkläre zunächst doch ganz kurz wie es zu deiner Querschnittslähmung kam.
Nina Wortmann: Ich habe seit 2003 eine Tetraplegie (eine Querschnittslähmung, die sowohl Beine als auch Arme betrifft, d. Red.), verursacht durch einen Autounfall, bei dem ich ungebremst gegen einen Baum gefahren bin. Seitdem sitze ich im Rollstuhl. Ich habe viereinhalb Monate Rehabilitation gemacht und bin danach nach Hause gekommen. Da habe ich dann angefangen aufzutrainieren. Am Anfang waren nur Kopfbewegungen möglich, nach und nach zeigte sich aber, dass ich immer mehr Körperteile bewegen konnte.
Aber die Beine sind irreversibel geschädigt?
Ja. Ich habe jedoch das Glück, dass ich sensibel-inkomplett gelähmt bin, das heißt, ich spüre vieles noch. Das ist ein Vorteil im Alltag, wenn man irgendwo hängen bleibt, kriegt man das sofort mit, weil es schmerzt.
Dein Leben scheint anhand deiner Biografie auch schon vor dem Autounfall von vielen Wendungen geprägt zu sein…
Ja, ich habe zunächst eine Ausbildung zur Forstwirtin gemacht, musste die aber abbrechen, weil ich Morbus Crohn (eine chronische Darmentzündung, d. Red.) bekommen habe und die Arbeit deshalb körperlich nicht mehr leisten konnte. Dann bin ich schwanger geworden und habe dann nach einem Jahr Babypause eine Ausbildung zur Ergotherapeutin angefangen. Tja, und dann standen mir halt plötzlich die Bäume im Weg (lächelt).
Würdest du dich als rastlosen Menschen bezeichnen, oder war dein Leben bisher schlichtweg vom Schicksal bestimmt?
Es war durchaus vom Schicksal geprägt, würde ich sagen. Man muss immer weitermachen und darf nicht stehen bleiben. Viele Menschen, die eine schlimme Situation erlebt haben, glauben, dass es danach nicht weitergeht. Aber man hat immer die Möglichkeit einen Weg zu wählen, der einen wieder nach vorne bringt. Und den habe ich immer gewählt, auch wenn es manchmal vielleicht etwas schwerer fiel.
Wie kamst du zum Modeln?
Das war die Schuld meines Mannes! Ich saß damals seit knapp einem Jahr im Rollstuhl und las, dass es erstmals einen deutschen Model-Contest für Frauen im Rollstuhl geben sollte. Ich war sehr fasziniert von dem Mut, den die Frauen aufbrachten. Mein Mann meinte, ich sollte mich da unbedingt bewerben, sonst würde er nicht mehr mit mir reden (lächelt). Also habe ich mich beworben und bin von 180 Frauen unter die ersten zehn gekommen und so fing der kleine Stein an zu rollen. Während des Contests ist der Fotograf Konstantin Eulenburg auf mich aufmerksam geworden, der mich dann später in sein Studio eingeladen hat.
Was unterscheidet den Berufstag eines Rollstuhlmodels von dem eines nicht-querschnittsgelähmten Models?
Ich brauche vielleicht zehn Minuten länger, um mich umzuziehen. Das größere Problem als Model im Rollstuhl, oder generell als Model mit Handicap ist aber, in diese Branche, diese Glitzerwelt hineinzukommen. Ich hoffe, dass das irgendwann aufhört und die Modedesigner sich auch mal uns zuwenden. Einer hat es immerhin schon vorgemacht. Der Designer Michael Michalsky hat 2010 Mario Galla (ein Model mit amputierten Beinen und Beinprothesen, d. Red.) auf dem Laufsteg laufen lassen. Michalsky hat ihm einfach kurze Hosen angezogen. Warum auch nicht?
Es gibt also noch Vorbehalte, wenn du als Rollstuhlmodel auf Models ohne Handicap triffst?
Klar, ich brauche aufgrund meiner Tetraplegie eben Hilfe und Unterstützung, weil ich keine Fingerfunktion besitze und mit einer Greifhilfe, einem sogenannten Handheber arbeite. Bei anderen Gelegenheiten, zum Beispiel im Fotostudio, habe ich mit den Profimodels allerdings nie Probleme gehabt. Da gab es bisher keine Berührungsängste.
Das heißt, ihr konntet euch auch fachlich kurz mal austauschen?
Ja, wir haben schon Smalltalk gehalten und es gab eine Art von Akzeptanz, auch wenn wir nie für dasselbe Produkt als Modell im Fotostudio waren.
Ist das Modeln ein Teilzeitjob oder immer noch ein Hobby?
Ich sehe es immer noch als Hobby, weil es nicht meinen Alltag bestimmt. Im Alltag bin ich Hausfrau und Mutti!
Gibt es Model-Jobs die du nicht machen kannst oder darfst?
Bis jetzt ist mir noch keiner begegnet. Außerdem weiß ich, dass Rollstuhlfahrer Bungee-Jumping machen oder Fallschirm springen gehen. Es gibt auch Apnoe-Taucher, die die gleiche Lähmung haben wie ich. Alles ist machbar, wenn man nur will. Ich habe als Model auch schon im Zoo unter einer 200-Kilo-Schildkröte gelegen, das ist alles realisierbar.
Gibt es denn Model-Jobs, die du nicht machen würdest?
Nein. Ich warte immer noch darauf, dass der Playboy anruft (lacht).
Da gibt es also keine Grenzen für dich, du würdest dich auch vor der Kamera ausziehen?
Warum nicht? Wir sind ja alle gleich. Der eine ist kleiner, der andere ist schmaler und ich sitze eben im Rollstuhl. In den 80er Jahren gab es glaube ich schon mal eine Rollstuhlfahrerin in Amerika, die für den Playboy abgelichtet wurde. Aber in Deutschland wäre das undenkbar.
Andere Modeljobs, für die du gerne mal gebucht werden würdest?
Ich würde gerne mehr im Bereich Mode machen.
Inwiefern fallen dir jetzt Dinge auf, die vor dem Unfall einfach unbemerkt blieben?
Vor dem Unfall habe ich tatsächlich immer bloß gedacht: „Oh, der Arme! Die Person kann nicht laufen.“ Aber was da alles dranhängt, dass man sich entlasten und die Sitzposition öfter ändern muss, oder dass man auch mal Kreislaufprobleme hat, dass die Thrombosegefahr natürlich wesentlich höher ist, da denkt man als „Fußgänger“ einfach nicht dran.
Gibt es auch banale Alltagssituationen, die sich verändert haben?
Wenn ich früher die Wäsche aus einer Wäschewanne gefaltet habe, hat das fünf Minuten gedauert. Heute brauche ich eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten. Es dauert im Rollstuhl eben alles etwas länger und das ist auch, was ich gelernt habe: Ich habe jetzt Geduld ohne Ende. Das hilft auch bei der Kindererziehung (lacht)!
Hat dein Selbstbewusstsein nach dem Unfall eher zu oder abgenommen?
Es ist gleich geblieben. Es hat sich nichts verändert, eigentlich, bis auf meine Geduld, die ist eben viel größer geworden. Wenn ich Hilfe brauche, spreche ich die Leute darauf an, frage, ob sie mir mal die Tür aufmachen können. Aber viele Leute mit Handicap nörgeln rum, sind ständig schlecht gelaunt und müssen beweisen, dass sie alles alleine können und keine Hilfe nötig haben. Dabei wir leben ja glücklicherweise in einer Gesellschaft, und wenn ich etwas möchte, dann gehe ich drauf zu und sage, dass ich das gerne haben möchte. Ich habe mich aber auch schon aus Versehen neben das Auto statt auf den Fahrersitz gesetzt, bin hier und dort hängengeblieben oder mit dem Rollstuhl umgekippt. Aber mir wurde immer geholfen, weil ich immer um Hilfe gebeten habe.
Das klingt ja nach durchweg positiven Erfahrungen mit der Gesellschaft.
Ja, auf jeden Fall.
Du warst Gastjurorin bei der Fernsehreihe „Das perfekte Model“. Was hast du dort für neue Eindrücke, bezogen auf den Modelberuf, auftun können?
Mein Gott, sind die dünn! Das war meine erste Empfindung. Auf dem Fernsehbildschirm sehen die Mädels alle geformter aus, als sie in Wirklichkeit sind, das ist erschreckend. Und natürlich sieht man am Ende bei der Ausstrahlung nur das fertige Produkt. Aber diese Mädchen sitzen da mehrere Stunden herum, bis sie dann mal für fünf Minuten dran sind und fotografiert werden.
Glaubst du, dass dieses Senderformat geeignet ist, Jugendträume zu erfüllen? Oder werden eben genau diese Träume in der Öffentlichkeit falsch dargestellt?
Es gibt schon länger Studien darüber, dass Mädchen eben gerade aufgrund dieser Fernsehformate mit ihrer Figur nicht zufrieden sind. Ich sehe das auch bei den Kindern in der Klasse meiner elfjährigen Tochter, Mädchen, die eine super Figur haben, aber sich zu dick fühlen oder sich für nicht hübsch genug halten. Die schminken sich, um anderen zu gefallen. Die muss man dann motivieren, ihnen erklären, dass sie sich selbst gefallen sollen, nicht den anderen Leuten.
Sollten Kinder solche Sendungen überhaupt gucken dürfen?
Ich glaube, es gibt da tatsächlich eine Grenze. Meine Tochter guckt auch „Germany's Next Topmodel“, aber nicht alleine, sondern mit mir. Und sie erkennt auch, dass dabei Leute bewusst falsch charakterisiert werden. Vielleicht ist die vermeintliche Zicke ja gar nicht so zickig, wie sie dargestellt wird. Da wird vieles uminterpretiert und den Leuten in den Mund gelegt, um ein gewünschtes Bild zu konstruieren.
Das heißt, du hast ein eher gemischtes Fazit aus dem Auftritt dort gezogen?
Meine Tochter möchte sich auch gerne dort bewerben. Ich habe sie mitgenommen und sie dort alles anschauen lassen. Natürlich lege ich ihr da keine Steine in den Weg, sobald sie einen Schulabschluss gemacht, kann sie sich dafür entscheiden, wenn sie das unbedingt möchte. Aber ich sehe es trotzdem mit gemischten Gefühlen, weil die Mädchen große Träume haben, die dort oft in Schäumen enden.
Seit 2008 spielst du Rollstuhl-Rugby. Erkläre doch kurz wie das Spiel funktioniert.
Oh, da könnte ich auch versuchen, ein Schachspiel zu erklären! Es ist sehr kompliziert und es gibt sehr viele Regeln, die kann ich bis heute noch nicht alle. Aber es macht sehr viel Spaß, (wechselt in einen bedrohlichen Ton) und es ist auch gefährlich!
Hast du schon schlimme Verletzungen davon getragen?
Ich noch nicht. Aber das Verletzungsrisiko ist relativ hoch, man kann auch immer mit dem Rollstuhl umkippen. Und in der Champions-League fliegen die schon beim Training übereinander.
Aber die Regeln ähneln denen des normalen Rugby?
Der Ball darf nur zehn Sekunden auf dem Schoß bleiben, danach muss er gedribbelt werden, deswegen haben wir Volleybälle und keine Rugbybälle. Man darf dem Gegner zwar den Ball abnehmen, aber man darf ihn nicht mal an der Hand berühren. Rollstuhl-Kontakt ist erlaubt, Spieler-Kontakt ist absolut verboten. Aber ich als Lowpointer, also als Defensivspielerin habe den Ball sowieso fast nie, ich versuche nur zu blocken und den Weg freizuschaufeln. Dafür gibt es auch verschiedene Rollstühle. Diejenigen die vorne spielen sind an der Vorderseite rund und haben einen Bumper.
Und wie ist die Geschlechter-Verteilung? Wie es mir scheint, bist du hier fast die einzige Frau beim Turnier.
Nee, es sind noch ein paar weitere Frauen hier. Aber die Mannschaften sind gemischt. Allerdings gibt es tatsächlich auch eine reine Frauenmannschaft in Deutschland, die heißt „Not Guilty“.
Gibt es noch weitere populäre Sportarten für Rollstuhlfahrer?
Es gibt noch Basketball, Tennis und Tischtennis.
Hast du die auch ausprobiert, bevor du zum Rugby gekommen bist?
In der Klinik habe ich nach dem Unfall Tischtennis gespielt, was auch viele andere Tetraplegiker machen, wegen der Lähmungshöhe. Aber ich mag das nicht. (Imitiert gelangweilt das Geräusch) Ping, Pong, Ping, Pong, Ping, Pong (lacht).
Wie oft spielst du?
Wir trainieren einmal die Woche. Und das hier ist jetzt mein drittes Turnier.
Ist das Rollstuhl-Rugby für dich eine Freizeitsportart, oder auch ein Forum, um die Integration von Menschen mit Querschnittslähmung zu thematisieren und zu fördern?
Ich versuche die Öffentlichkeit durch das Modeln zu erreichen. Rugby spielen ist für mich Sport. Ich habe früher als Fußgänger viel Sport betrieben und auch hier werde ich auf dem Spielfeld alles geben, auch wenn ich nicht gerade die Schnellste bin! Natürlich lernt man dadurch auch Leute mit dem gleichen Problem kennen und bekommt hier und da auch mal einen Tipp.
Ist der Rollstuhl immer als Tatasche in deinem Kopf vorhanden, oder gibt es auch Momente, in denen du den Rollstuhl komplett ausblenden kannst?
Er ist wie ein paar gut eingelaufene Turnschuhe – ich denke da überhaupt nicht groß drüber nach. (Überlegt) Eine Freundin und ich saßen vor anderthalb Jahren beisammen und haben rumgesponnen, was wir uns wünschen würden, wenn wir drei Wünsche freihätten. Ich habe dann gesagt: Weltfrieden, dass meine Familie nie krank wird, und ganz viel Geld. Woraufhin meine Freundin verwundert fragte, ob ich nicht etwas Elementares vergessen hätte, ob ich nicht vielleicht wieder laufen können würde. Ich bin da tatsächlich nicht drauf gekommen. Das sagt doch alles, oder?
Gibt es berufliche Ziele, die du beim modeln gerne noch erreichen möchtest?
Dass die deutschen Modedesigner endlich aufwachen und mal ein paar Rollstuhlfahrer, Kleinwüchsige, oder je nachdem wie man es definiert, möglichst unterschiedliche Menschen in ihre Kleidung stecken und eine Modeschau veranstalten. Das geht in Großbritannien, in den USA, warum nicht auch in Deutschland. Zudem sieht man immer mehr Rollstuhlfahrer im Fernsehen, auch wenn das meist Fußgänger sind, die dann in einen Rollstuhl gepackt werden. Das regt mich auf, weil es genug Rollstuhlfahrer mit schauspielerischem Talent oder gar Erfahrungen gibt. Warum werden die nicht für solche Rollen gebucht?
Interview: Klaas Tigchelaar
Fotos: Martina Goyert
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vanessa (Gast) am 24.04.13, 21:04 Uhr
Hallo Nina. Ich habe ebend das erste mal von dir etwas im Fernseher gesehen bei Rtl. Und ich finde es wirklich gut was du tust und wofür du stehst. Du hast echt meinen größten Respekt. Ich finde es ganz toll das du einfach das beste aus der Situation machst, du bist mit Sicherheit ein ganz großes Beispiel für viele Menschen und wirklich ein großer Mensch. Ich wünsche Dir weiterhin alles gute und mach weiter so. Ich hoffe das ich mehr über dich hören werde. Mfg
Marco (Gast) am 10.07.12, 20:22 Uhr
Wieder einmal sehr treffend, Nina!