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Favela Remix

Gepostet von Sonja am 06.03.2012

Spin Rocinha: Die DJ-Schule der Favela Rocinha in Rio de Janeiro bildet Jugendliche zu DJs aus.

Ingrid versucht sich am Mischpult

Musik überall: Aus den kleinen Bars und Läden entlang der Hauptstraße der größten Favela Rio de Janeiros dröhnen Funk-Hits und brasilianische Forró-Lieder, aus den Autos und Mini-Vans, die den Berg hochfahren, viele Jugendliche haben Kopfhörer auf.

Der 20-jährige Ramon steht in einem Haus an der Hauptstraße hinter einem DJ-Pult, dreht an den Reglern, justiert Takt und Geschwindigkeit, wirft zwischendurch einen Blick auf seinen Laptop, der ihm die Amplituden der Songs anzeigt, und lässt einen spanischen Dance-Hit minutenlang in einen härteren Electro-Track überblenden - ohne im Kopfhörer vorzuhören, wie das klingen wird.

Eine perfekte Demonstration des digitalen DJing - so wie es Ramons Schüler auch beherrschen wollen.

Teures Equipment

Die DJ-Schule "Spin Rocinha" des Armenviertels Rocinha, in dem zwischen 150.000 und 300.000 Menschen leben, bringt Jugendlichen das Auflegen bei.

Eine Kunst, die hier begehrt ist - doch die teure Technik können sich viele Familien nicht leisten. Der Gründer der Schule, der 49-jährige Zezinho, möchte DJ-Neulingen einen einfachen und kostenlosen Zugang zum DJing bieten.

"Manche sind einfach neugierig, andere sind ernsthaft an einer DJ-Karriere interessiert", sagt Zezinho. Er hat selbst jahrelang als DJ gearbeitet, noch "oldschool", mit richtigen Platten - für den Unterricht mit modernstem Equipment, für digitales DJing, hat er Ramon engagiert, der auch aus der Rocinha kommt.

Alles im Kopf

Drei junge Männer und eine junge Frau sehen DJ-Lehrer Ramon ein wenig ungläubig zu. "Es ist ganz leicht", sagt der. "Man muss einfach den Rhythmus und die Geschwindigkeit der beiden Tracks, die man ineinander mischt, im Kopf haben."

Für Ramon kein Problem: Der 20-Jährige hat schon mit 13 Jahren angefangen mit Plattentellern zu experimentieren. Jetzt arbeitet er als DJ und Musikproduzent - und bringt als einer der Lehrer der DJ-Schule Jugendlichen bei zu scratchen, zu mixen, mit dem DJ-Pult umzugehen.

Ein bisschen Improvisation

"Spin Rocinha" ist noch neu: Seit August 2011 findet der Unterricht zweimal wöchentlich statt, in der Wohnung von Zezinho - denn einen eigenen Raum gibt es noch nicht. Zezinho finanziert die Ausstattung mit Geld, dass er mit Touristen verdient, er zeigt Besuchern die Rocinha.

Mit seinem Sozialprojekt möchte er der Gemeinschaft etwas zurückgeben, Jugendlichen neue Chancen eröffnen, aber auch die DJ-Kultur der Favela verbreiten. "Musik gehört zur Favela-Kultur, die Menschen hier lieben Musik", sagt Zezinho. "Musik ist ein Stimmungsaufheller, wenn es einem schlecht geht, macht sie alles ein bisschen besser, lenkt vom Leiden ab."

Der DJ als Entdecker

Ramon bringt seinen Schülern nicht nur die Technik bei, er versucht ihnen auch Hintergründe zur Musik zu vermitteln, Offenheit für ein breites Musikspektrum: "Die Arbeit des DJs fängt damit an, dass er Musik studiert, Musik auf der Straße oder auf Partys hört, auf Baile Funk-Partys geht, sich Rock, Elektronik, brasilianische Stile wie Forró oder Pagode besorgt, alles was es gibt."

Für seine Schüler fängt Ramon auch bei der Technik noch mal ganz von vorne an: Erklärt die Basisfunktionen des DJ-Pults, die Verkabelung, malt dann auf einer Tafel Takte an die Wand, klopft den Fünf-Takt mit dem Stift nach - "Bum Bum Bum Bum Bum".

Experimente am DJ-Pult

Dann sollen sich die Schüler nacheinander an einem Mix versuchen. "Am besten lernt man Auflegen, wenn man es selbst ausprobiert", sagt Ramon.

Nicolas, 18, gelingt ein Übergang fast fehlerlos, beim nächsten stottern die Songs ineinander - er hat sich schon vor der DJ-Schule als DJ versucht, legt seit mehr als einem Jahr auf.

Ingrid dagegen stand im Dezember zum ersten Mal hinter einem DJ-Pult, die 16-Jährige wirkt noch etwas unsicher, als sie vor allen anderen einen Mix vorführen soll, hört konzentriert zu, wie das nächste Lied klingt, aber es klappt noch nicht so elegant. "Macht nichts", sagt Ramon, "ihr seid hier um zu lernen." Zezinho findet, für die kurze Zeit sei Ingrid richtig talentiert.

Auch Mädchen mixen

Ingrid, die noch zur Schule geht, will keine professionelle DJane werden, das Auflegen sei für sie "mehr ein Hobby" - aber sie liebt die Musik. "Wir haben viele DJs hier in der Rocinha", sagt Ingrid, "aber für Frauen ist das noch eher ungewöhnlich."

Sie glaubt, dass es noch viel mehr Mädchen und Jungs in der Favela gibt, die DJs werden wollen: "Aber sie kennen das Projekt noch nicht." Bisher verbreitet sich das Angebot nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

DJ-Schulen für alle

Anfragen aus anderen Favelas, ob er ihnen helfen könne, weitere DJ-Schulen aufzubauen, hat Zezinho trotzdem schon erhalten. Er sagt aber: "Ich fange lieber klein an und professionalisiere das Projekt, bevor ich es weiterverbreite."

Die Klasse ist klein und familiär, bis zu zwölf Schüler kommen in die DJ-Schule, der Unterricht ist eher eine lockere Session. Erst gegen zehn eilen die angehenden DJs nach Hause - auf den Straßen spielt weiter die Musik.

Text und Fotos: Sonja Peteranderl

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