Die Heilige der Diebe und Dealer
Gepostet von Sonja am 10.01.2012
Santa Muerte ist in Mexiko die Schutzheilige der Kriminellen – aber auch ganz normale mexikanische Teenager wie Yesenia Muñoz, 22, vertrauen auf sie.

Unterwäsche, Plastikschmuck, falsche Markenturnschuhe, Säcke voller Gewürze in satten Farben, Hochzeitsschmuck aus Geschenkband baumelt von der Decke: Der Weg zu Santa Muerte führt durch die engen, vollgestopften Gänge von "La Merced", einem riesigen Markt im Zentrum Mexikos.
Santa Muerte, "der Heilige Tod", trägt heute Rot und wirkt neben anderen Heiligenfiguren wie Maria oder Jesus wie eine Prostituierte: Der Totenkopf der lebensecht großen Skelettfrau ragt aus einem ausladenden Tüll-Kostüm, an ihrem Kleid haften bunte Peso-Scheine, zu ihren Füßen liegt eine Schale mit Münzen, Zigaretten, Tequila, Rosen - Opfergaben von Mexikanern, die sich Santa Muerte gnädig stimmen wollen.
Beistand bei Überfällen und Liebeszauber
Neben Santa Muerte steht Yesenia Muñoz, 22, sie verkauft an ihrem Marktstand Amulette, Räucherstäbchen mit Aufschriften wie "Espiritu de la Santa Muerte", Püppchen, die nach Voodoo aussehen, und unzählige Santa Muerte-Figuren in unterschiedlichen Größen und verschiedenfarbigen Kleidern, die wie kleine Armeen akkurat in Reihen stehen.
Zwischendrin, ein wenig verloren, zwei, drei Jesusfiguren. Das meistverkaufte Produkt von Yesenia Muñoz, natürlich: Figuren von Santa Muerte.
An die unheimlich wirkende Kultfigur glauben viele Mexikaner - sie ist die Schutzheilige der Kriminellen, der Diebe, der Prostituierten, von denen es in der ärmlichen Gegend rund um den Markt viele gibt. Drogendealer beten Santa Muerte vor einem Überfall oder einem Rachefeldzug an oder tragen sie als Tätowierung auf der Haut.
Geldgeschenke gegen Liebeskummer
Aber auch Mexikaner ohne kriminelle Energie vertrauen auf ihre Kräfte - wie die junge Verkäuferin Yesenia Muñoz. "Santa Muerte ist ein Engel Gottes, sie ist zuständig für den Übergang von Leben zum Tod und hilft bei vielen Dingen", erklärt sie.
Dreimal hat sie der Dame in Rot selbst Geldscheine ans Tüllkleid geheftet, als sie Streit mit ihrem Freund hatte - und es habe funktioniert, sagt sie. Sie weiß, wie man Santa Muerte besänftigt, hat einen Stapel mit Büchern vor sich liegen, mit Tipps und Tricks, wie der Liebeszauber und andere Wünsche am besten wirken.
Wie viele Mexikaner hat auch Muñoz einen kleinen Altar mit zwei Santa Muerte-Figuren zuhause - in rosa Kleidern. "Für die Harmonie", sagt sie, die selbst ein rosa Oberteil trägt. "Und ich mag die Farbe."
Mal schwarz, mal weiß
Die Kleider der riesigen Skelettfigur an ihrem Stand wechselt Muñoz immer wieder - je nach Anlass. Mal trägt Santa Muerte unschuldiges, reinigendes Weiß, mal das Rot der Liebe, mal Grün für finanziellen Erfolg, mal das schwarze Kostüm für den persönlichen Schutz.
"Jesus bittet man um Verzeihung, aber Santa Muerte ist die Ansprechpartnerin für fast alle Lebenslagen", sagt Yesenia Muñoz. Der Andrang ist groß - eine Hausfrau legt ein paar Münzen in die Schale, ein jüngerer Mann im schwarzen Anzug, mit zurückgegelten Haaren murmelt vor sich hin.
Beten für die Zukunft
Immer wieder wechselt Yesenia Muñoz ein paar Worte mit ihren Kunden, berät sie. Sie mag ihre Arbeit auf dem Markt, es mache ihr Spaß "mit Menschen zu arbeiten", wie sie sagt.
Als Schülerin lief sie zum ersten Mal zu dem Markt, um einzukaufen, dann kam sie immer wieder: weil sie Handwerk faszinierend findet, es selbst mag, Dinge zu erfinden. Seit zwei Jahren hat die Mexikanerin einen festen Job: als Marktfrau und Santa-Muerte-Expertin.
Doch für ihre Zukunft wünscht sie sich ein anderes Umfeld als den chaotischen, schmuddeligen Markt - sie könnte sich vorstellen, einen Schönheitssalon zu eröffnen.
Auch für bessere Zukunftsaussichten wird Yesenia Muñoz sich an ihre alte Freundin wenden: Denn wenn Santa Muerte ein gelbes Kostüm trägt, sorgt sie angeblich für einen guten Job.
Text und Fotos: Sonja Peteranderl
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