Zur Hauptnavigation springen Zum Login springen Zum Seiteninhalt springen


Schüsse auf Sprayer

Gepostet von Sonja am 05.01.2012

Riskante Kunst: In Kolumbien ist ein 16-jähriger Graffiti-Künstler erschossen worden - und die Polizei versucht, den Fehler zu vertuschen.

Ein Grafitto, das Diego zeigt

Ein ganz normaler Streifzug durch die Nacht sollte es werden, im Norden von Bogotá wollten vier Freunde im August ein paar Mauern mit Graffiti verzieren - doch nur drei der Jugendlichen überlebten den Abend.

Als eine Polizeistreife die jungen Sprayer entdeckte, versuchten sie zu fliehen - dabei wurde der 16-jährige Kolumbianer Diego Felipe Becerra von einem Polizisten erschossen.

Einer der Freunde berichtete der kolumbianischen Wochenzeitung Semana
zufolge, er habe sich nach Diego umgedreht und ihn am Boden liegen
sehen: "Er rief mir zu, dass er seine Beine nicht mehr spürt."

Der Polizist hatte den jungen Sprayer zweimal getroffen - in die Schulter, in den Rücken, eine der Kugeln drang in die Lunge ein, der 16-Jährige starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Künstler statt Kriminelle

Der eigentliche Skandal begann nach dem tragischen Tod von Diego Felipe Becerra - denn die Polizei behauptete, sie sei alarmiert worden, weil Jugendliche einen Bus ausgeraubt hätten und sie hätten geglaubt, die Sprayer seien die Täter gewesen.

Doch die einzigen Waffen, die die Gruppe bei sich hatte, waren Sprühdosen. "Er hätte es nicht nötig gehabt zu stehlen", betonte ein Klassenkamerad von Diego bei dessen Beerdigung.

Diego Felipe Becerra war ein hübscher Junge, mal mit modischer Vokuhila-Frisur, mal mit dunkelbraunen leicht gewellten Wuschelhaaren, auf Fotos lacht er meistens, sieht sympathisch aus.

Er hat oft vor seinen bunten Werken posiert, eines seiner Lieblingsmotive war die Comicfigur Kater Felix, einmal hat er auch ein Selbstportrait von sich mit erhobenem Daumen an eine Wand gemalt. Sprayen war seine Leidenschaft - die für ihn tödlich wurde.

Gefälschte Beweise

Der Fall von Diego Felipe Becerra wirft ein schlechtes Licht auf die Vorgehensweise der kolumbianischen Polizei: Die Version des Raubüberfalls ist unwahrscheinlich, Polizisten haben den Tatort nach der Tat manipuliert und hatten möglicherweise auch Zugang zu der Leiche von Diego, wie eine Untersuchungskommission ermittelte.

Einer der jungen Sprayer und seine Cousine wurden eine Woche nach der Erschießung von Diego von Polizisten gezwungen in ein Polizeiauto einzusteigen und wurden verhört, sie sollen sogar misshandelt worden sein.

Inzwischen hat die kolumbianische Staatsanwaltschaft angekündigt, dass ein Prozess gegen den Vizekommandeur der Polizei von Bogotá und weitere Polizisten eröffnet werden soll.

Aufarbeitung von Skandalen – ab und zu

Die Strafverfolgung ist bei diesem Skandal auch auf den Druck durch die Familie von Diego und die vielen Medienberichte zurückzuführen - denn wenn Unschuldige in Kolumbien getötet werden, folgt oft keine Konsequenz, Menschenrechtsaktivisten und Anwälte prangern die hohe Straflosigkeit, auch bei Vergehen von staatlichen Sicherheitskräften, an.

Mitte November ist etwa der 16-jährige Müllsammler Fredy Vidal im Dorf Guapí von Polizisten erschossen worden, im Jahr 2005 hatte eine Spezialeinheit den 15-Jährigen Nicolás Neira bei einer Demonstration zu Tode geprügelt - beide Morde blieben ungestraft.

Ein Video erinnert an Diegos kurzes Leben.

Text: Sonja Peteranderl
Foto: Flickr

Bisher noch keine Kommentare

Kommentar schreiben Beitrag melden






* Pflichtfelder


Neueste Kommentare

« Zurück zur Übersicht

Quell-URL: http://212.66.17.154/projektblog/eintrag.php?eid=596