Zur Hauptnavigation springen Zum Login springen Zum Seiteninhalt springen


Jesus Christ Superstar

Gepostet von Julia am 03.05.2011

Einmal im Jahr wollen in Iztapalapa alle Jesus sein – auch Chris hat sein 80 Kilo-Kreuz geschleppt.

Chris ist glücklich nach dem schweren Weg

Als Chris den staubigen Sandhügel erreicht, bricht er fast zusammen. Mehrere Kilometer hat er ein 80 Kilo schweres und sieben Meter langes Holzkreuz durch die Hitze gezerrt, die letzten Meter scheinen unerreichbar. Immer wieder stellt er das Kreuz ab, wischt sich mit sich mit seinem violetten Gewand über die verschwitzte Stirn. Freunde und Familienmitglieder begleiten ihn auf seinem anstrengenden Weg, sie passen auf, dass er mit dem Kreuz nicht umkippt.

Chris, 22, ist Jesus – zumindest fast. „Alle wollen Jesus sein“, sagt der junge Schlosser. In Iztapalapa finden in der Osterwoche Passionsspiele statt, die zu den größten und bekanntesten Mexikos zählen.

Casting für die Christen-Show

Bis zu 1500 Laiendarsteller, die fast alle aus der Gegend kommen, stellen die christliche Geschichte des Leidens und Sterbens von Jesus nach. Normalerweise ist Iztapalapa ein ärmliches Arbeiterviertel mit hoher Kriminalitätsrate, in das sich kaum ein Tourist verirrt – an Ostern strömen zwei Millionen Besucher zum Schauplatz der Passionsspiele.

Einmal im Leben Jesus zu spielen, ist für die Jungen von Iztapalapa so, wie die Rolle des Helden in einem Hollywood-Film zu ergattern. Doch nicht jeder kann Jesus sein: Die Kandidaten müssen gläubig sein, dürfen keine Straftat begangen haben und müssen sich das teure Kostüm auch leisten können.

Wer die Rolle tatsächlich bekommt, muss monatelang vor den Passionsspielen täglich trainieren, er muss das Schleppen des schweren Kreuzes stundenlang durchhalten. Jesus darf keine Tattoos und Piercings tragen, nicht trinken, nicht rauchen, auch Mädchen und Partys sind tabu.

Dornenkrone, blutige Füße

Auch Chris hofft auf die Hauptrolle – doch bei diesen Passionsspielen ist er noch einer der über 100 jungen sogenannten Nazarener, die die religiöse Bürde ohne den Jesus-Ruhm auf sich nehmen und ihr Kreuz den Berg hinaufschleppen, mit Dornenkrone auf dem Kopf, blutigen Füßen und bei 30 Grad. So bekannt wie der einzige auserwählte Jesus von Iztapalapa wird er dadurch zwar nicht, doch für seine Familie und Freunde ist er ein kleiner Star.

Mit 12 Jahren hat Chris das schwere Kreuz zum ersten Mal geschleppt. Vorbereitet hat er sich auch diesmal nicht: „Ich mache ganz normal Sport, nur der richtige Jesus bereitet sich drei Monate lang auf die Passionsspiele vor.“ Chris` schwarzes Kreuz wiegt 80 Kilogramm. „Es gibt einige, bei denen das Kreuz 110 Kilo wiegt, aber das von Jesus wiegt 90 Kilo“, sagt er. „Also bin ich fast Jesus.“

Passion als Party

Während Jesus, Chris und die anderen Kreuzträger bei den Passionsspielen leiden, sind sie für die Bewohner Iztapalapas und die Besucher ein riesiges Volksfest. Jugendliche lassen sich schwarze und blaue Jesus-Tattoos auf die Wangen drücken, tragen Judas-Kappen und Jesus-T-Shirts. Verkäufer schleppen ein unvorstellbares Sortiment durch die Menge: Getränke, Tortillas und Tacos, Eis, Kreuzarmbänder, Maria-Wimpel, Ferngläser oder Sonnenhüte.

Weil der Andrang so groß ist, ist das eigentliche Schauspiel mit einem Zaun abgeriegelt, an dem sich die Besucher drängeln. Um auch noch aus den hinteren Reihen einen Blick auf das Schauspiel zu werfen, halten viele selbstgemachte Guckrohre aus Pappe mit zwei Spiegeln in die Luft.

Schwerer Weg nach Hause

Für den Jesus-Hauptdarsteller von Iztapalapa ist die körperliche Qual erstmal vorbei, wenn er, mit falschem Blut überströmt, an seinem Holzkreuz hängt. Doch Chris muss sein Kreuz den ganzen Berg hinunter und zurück nach Hause schleppen. Die stachelige Dornenkrone hat er schon abgelegt, die schmerzenden Füße in dicke Bandagen eingewickelt, weil er in seinen Schuhen nicht mehr laufen kann.

Während die Besucher der Passionsspiele nun die ganze Nacht feiern, wird Chris sich erstmal duschen, schlafen und vorher etwas essen – denn seit dem Vortag hat er nichts mehr zu sich genommen. „Alles tut mir weh“, sagt er. Trotzdem will Chris im nächsten Jahr wieder Jesus sein.

Text und Bilder: Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

Bisher noch keine Kommentare

Kommentar schreiben Beitrag melden






* Pflichtfelder


Neueste Kommentare

« Zurück zur Übersicht

Quell-URL: http://212.66.17.154/projektblog/eintrag.php?eid=486