Grüne Bomben
Gepostet von Julia am 11.05.2012
Guerilla-Gärtner pflanzen dort, wo sonst nur Müll landet. Sie verwandeln graue Stadt-Tristesse in kleine Blumen-Oasen

Nachts ziehen sie mit Hacke, Schaufel und Grünzeug im Gepäck durch die Straßen. Schnell muss es gehen, denn die Mission ist offiziell gar nicht erlaubt. Ihr Ziel sind Straßeninseln, Baumflächen und verwahrloste Grünflächen. Dann heißt es: Erde umgraben, Samen streuen oder Blümchen einpflanzen, Erde wieder drauf packen und wenn möglich wässern. Und am Besten so positionieren, dass Andere die Ergebnisse des nächtlichen Schaffens schon am nächsten Morgen entdecken. Beliebte Aktionsorte sind bewohnte Straßen oder Plätze vor Geschäften. Auch gegen vermeintliche Feinde hat die Gruppe eine Waffe: „Lavendel und Buchsbaum sind ein natürlicher Schutz vor Hunden“, so die Aussage eines Aktivisten.
Die Gruppe der nächtlichen Ausflügler tut zwar Illegales, aber Böses ist es nicht. Im Gegenteil: Die Nachtschwärmer bepflanzen öffentliche Flächen mit Blumen, Ranken oder Bäumchen, freiwillig, ohne Auftrag und meist zur Freude der Anwohner und Passanten – sie sind Guerilla-Gärtner.
Von der Nische zur Guerilla-Bewegung
Gründeten sich in New York die ersten freien Stadtgärtner in den 70er Jahren mit gesellschafts-politischen Zielen, finden sich heute zahlreiche Guerilla-Gärtner, die der oftmals tristen und grauen Oberfläche des Städtebaus einen ökologischen, grünen Gegenpunkt setzen wollen. Guerilla, weil sie unauffällig und ohne Erlaubnis ihre Streifzüge antreten. Und weil sie trotz subversiver Kleinstarbeit Einfluss auf das öffentliche Stadtbild nehmen.
Ein Beispiel: Die Berliner Mitte ist das, was als Herz der Gentrifizierung der Hauptstadt bezeichnet werden kann. Altbauten und ehemals besetzte Häuser werden saniert. Eine Galerie nach der anderen zieht in die Erdgeschossläden mit zur Straße hinausgehender Fensterfront. Hotelketten reihen sich aneinander. Es wird schick, hip und metroplit. Und für die Baustellen schwinden die Grünflächen. Vorgärten werden zu temporären Mülldeponien, die Erdflächen um die Bäume verwuchern, dienen als Ort für Exkremente von Tier und Mensch.
Platz für Bepflanzung ist an der Kreuzung Rosenthaler Platz kaum möglich. Aber wer genau hinschaut, entdeckt an Pfeilern der Straßenschilder kleine Holzkästen, in denen Grünpflanzen stecken. In Nebenstraßen und im angrenzenden Bezirk Prenzlauer Berg sind Baumscheibenbepflanzungen sehr beliebt – die Fläche um den Baumstamm herum wird mit Blumen und Sträuchern oder Kräutern verziert. Die Gärtner wirken mit ihren Pflanzungen meist nur initiativ, suchen sich ihre Plätze aber bewusst aus: „Gerade vor Wohnhäusern finden sich schnell Adoptiv-Pfleger.“ Ist ein urbanes Beet erst einmal angelegt, ist der Aufwand des Gießens und Erhaltens nicht mehr so groß.
Internationales Seed-Bombing
Mittlerweile haben sich weltweit unterschiedliche Guerillagärtner-Gruppen gebildet, die auch tagsüber durch die Städte ziehen und immer mehr Sympathisanten finden. Wer hat nicht gern eine grüne Klein-Oase vor dem Fenster, wo sich sonst nur Vierbeiner verewigen?
In Blogs organisieren sie sich und tauschen Tipps über geeignete Orte, passende Pflanzen an entsprechenden Plätzen und gemeinsame Aktionen aus. In der Gruppe macht „Seed-Bombing“ – das Abwerfen kleiner Beutel mit einer Erde-Samen-Mischung – ja mehr Spaß als allein. Und wer sich über die plötzliche Begrünung mitten auf einer Verkehrsinsel wundert, kann sich sicher sein, dass die Guerillagärtner-Truppe des nächtens vorbeigezogen ist.
Von Julia Jaroschewski
Bilder:
Mia Judkins/flickr
Paul Conneally/flickr
Joe Marinaro/flickr
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